Anna Tumarkin, eine russisch-jüdische Philosophin, wurde dank der Universität Bern weltweit die erste vollberechtigte Professorin. Ihr Weg war bis dahin ungewohnt und geprägt von Herausforderungen. Trotz ihrer Qualifikationen und ihres grossen Wissensdursts war ihr Zugang zur akademischen Welt durch ihre weibliche Identität stark eingeschränkt. Mit Fleiss, Unterstützung ihrer Mentors und ihrem eigenen Durchhaltevermögen schaffte sie es, an der Universität Bern zu studieren, zu promovieren und schließlich als Dozentin zu arbeiten.
Die Philosophin Anna Tumarkin war weltweit die erste vollberechtigte Professorin – und das dank einer Schweiz er Universität. Ende des 19. Jahrhunderts schlug im russischen Zarenreich eine Jugendliche die Zeitung auf. Sie las darin, dass es Frauen gestattet sei, an der Universität Bern zu studieren. Das war ein Sonderfall. Fast alle europäischen Universitäten liessen damals Frauen nicht zum Studium zu. Die junge Zeitungsleserin hiess Anna Tumarkin . Und dieser Artikel sollte ihr Leben verändern.
Die Schweiz ist alles andere als eine Vorreiterin in Frauenrechten oder in Gleichstellungsfragen. Doch ausgerechnet dieses Land ernannte mit der Philosophin Anna Tumarkin weltweit die erste vollberechtigte Professorin an einer Universität, die sowohl Männer als auch Frauen zuliess. Tumarkin forschte, publizierte, betreute und prüfte Doktorierende sowie Habilitierende und entschied als Fakultätsmitglied über die Geschäfte der Universität mit. Damit schrieb die russisch-jüdische Einwanderin Geschichte. Doch ihr Wirken wurde lange kaum beachtet. Pünktlich zum 150. Geburtstag legt die Historikerin Franziska Rogger nun eine detailreiche Biografie der Philosophin vor. Diese kam am 16. Februar 1875 in Westrussland zur Welt. Nach einem Umzug nach Chișinău wuchs sie mit fünf Geschwistern in der heutigen Hauptstadt von Moldawien auf. Annas Vater war ein wohlhabender Kaufmann und orthodoxer Jude. Obwohl Jüdinnen und Juden im russischen Reich schikaniert wurden, konnte er sich beruflich behaupten und seinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen. Bis Anna Tumarkin neun Jahre alt war, wurde sie zu Hause unterrichtet, danach besuchte sie das örtliche Mädchengymnasium. Nach dem Abschluss liess sie sich zur Lehrerin ausbilden. Doch ihr Wissensdurst zog sie weiter. Sie wollte studieren. Da ihr als Frau eine akademische Ausbildung im Zarenreich nicht möglich war, packte die 17-jährige Anna Tumarkin ihren Koffer und reiste in die Schweiz. Im Winter 1892 schrieb sie sich an der Universität Bern ein. Ihr Hauptdozent war der bekannte Philosoph Ludwig Stein. Früh sah er das Potenzial der jungen Frau. Er ermunterte sie, zu doktorieren. Im Alter von zwanzig Jahren schaffte sie die Promotion mit der bestmöglichen Bewertung – summa cum laude. Mangels Alternativen reiste Anna Tumarkin nach Berlin, um dort weiter zu studieren. In Preussen waren Frauen zwar nicht an der Universität zugelassen. Doch die Dozenten konnten Hörerinnen zulassen. Ein Empfehlungsschreiben von Stein öffnete Anna Tumarkin die Türen. Derweil erschien ihre Dissertation zu Herder und Kant als Buch und fand «ungeahnt grosse Beachtung», wie Historikerin Rogger schreibt. Verschiedene deutschsprachige Zeitungen besprachen sie lobend und der Rezensent der französischen «Revue philosophique» hielt fest: «Eine aufmerksamere Lektüre dieser Studie über Herder und Kant würde niemanden vermuten lassen, dass der Autor dieser gescheiten Arbeit eine Frau ist.» Doch wie sollte es mit dieser intelligenten Frau weitergehen? Darüber grübelte nicht nur sie, sondern auch ihr Mentor Ludwig Stein. Letzterer schrieb ihrem Vater: Sie in «Russland vergraben und versauern» zu lassen, wäre ein Frevel. Und er brachte eine mögliche Habilitation in Bern zur Sprache. Dort stünden die Chancen günstiger als irgendwo anders, schrieb Stein. Allerdings, fügte er an, sei an eine bezahlte Professur kaum zu denken. Der Vater müsste weiterhin für Annas Lebensunterhalt aufkommen. Dieser willigte ein. Trotz des intensiven Lobbyings ihres Mentors drohte die Universitätskarriere von Anna Tumarkin zu scheitern. Als Mädchen wurde sie am Gymnasium in Russland nicht in den Sprachen Latein und Griechisch unterrichtet. Das rächte sich in Bern. Zwar sprach sich die Fakultät einstimmig für ihre Habilitierung aus. Doch eine Dozentin der Philosophie, die Klassiker nicht im Original lesen konnte, wurde abgelehnt. Allerdings gestand man ihr zu, Teilbereiche der Philosophie zu lehren – über die Ästhetik und die Geschichte der Poetik. Ersteres nannten damalige Spötter ein «Frauenzimmerfach». Damit war Anna Tumarkin 1898 die erste Dozentin der Philosophie in Europa. Und dies im Alter von 23 Jahren. Ihre Antrittsvorlesung beschrieb die «Berner Zeitung» als «sensationelles Ereignis». Studierende und Professoren erschienen derart zahlreich, dass die Vorlesung kurzfristig in die Aula verlegt werden musste. Die Kritiken waren voller Lob für sie: Vorzüglich habe sie sich geschlagen, keine Spur von Befangenheit gezeigt. Inländische Zeitschriften porträtierten sie, und selbst ausländische Medien berichteten über sie. Sie selbst stürzte sich in die Arbeit und lernte zudem Latein und Griechisch. Bei allem Ruhm, den sie erhielt: Ihre Arbeit brachte Anna Tumarkin kaum Lohn ein. Als Privatdozentin bekam sie lediglich das Kolleggeld, das die Studierenden als eine Art Kursgeld zahlen mussten. Die Kurse von Anna Tumarkin waren jedoch fakultativ und entsprechend spärlich besucht. Bloss rund 100 Franken pro Jahr verdiente die junge Philosophi
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