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Grosse Sorgen in der Region: Das sagen Palästinenser aus Basel zum Gaza-Krieg

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Grosse Sorgen in der Region: Das sagen Palästinenser aus Basel zum Gaza-Krieg
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Wie erlebt die palästinensische Community die Situation im Nahen Osten? Vier Kurzporträts.

Nachdem Hamas-Terroristen am 7. Oktober in Israel eingedrungen sind und 1400 Zivilisten getötet haben, fährt Israel eine Gegenoffensive. Zurzeit dringen israelische Bodentruppen in den Gazastreifen vor, dort spitzt sich die humanitäre Lage weiter zu.

Auch in Basel leben Menschen, die Familie in dem betroffenen Gebiet haben oder als Kind in die Schweiz migriert sind. Mehrmals wurde in Basel zu Pro-Palästina-Demonstrationen aufgerufen, innerhalb von eineinhalb Wochen fanden drei unbewilligte Kundgebungen statt. Am Dienstag vor einer Woche fand erstmals eine bewilligte Standkundgebung statt. Sie verlief friedlich. Ob Sekundarlehrer, Bauingenieur oder Unternehmensberaterin: Ihr Alltag hat sich seit dem Hamas-Angriff verändert. Die Bilder von zerbombten Häusern und verwaisten Kindern verfolgen sie. Im Gespräch mit der BaZ erzählen sie, dass sie sich unverstanden und in ihrer Redefreiheit beschränkt fühlen. Sie offenbaren aber auch, dass sie das Töten unschuldiger Zivilisten, unabhängig von welcher Herkunft, verurteilen. Zwei der Befragten wollen auf dem Interviewbild unerkennbar bleiben. Aus Angst, man könnte sie für Terroristen halten. Eine in Basel wohnhafte Doktorandin sagt den Interviewtermin ab, weil sie fürchtet, bei ihrer Rückkehr in die Westbank Schwierigkeiten bekommen könnte. Drei von ihnen leben schon seit Jahrzehnten in Basel, einer ist neu zugezogen. Josef Kalak, pensionierter Bauingenieur, 79: «Meine Schwester und mein Bruder sind wie Gefangene in ihren Häusern» Unser erster Interviewpartner hat eine dieser Migrationsbiografien, die unbeschwerter verlaufen als andere. 18-jährig kommt Josef Kalak aus Jerusalem zum Studieren in die Schweiz. Mit nur 24 übernimmt er als Projektleiter beim Ingenieurbüro Aegerter & Bosshardt die Planung des Chrischonaturms. Er gründet eine Familie, bekommt vier Söhne. «Ich hatte das Glück, als Flüchtling aus Palästina das höchste Bauwerk der Schweiz, den St.-Chrischona-Turm, zu planen», sagt Kalak. Der heute 79-Jährige kommt im Blazer und Hemd an den Termin. Wenn er über seine 40 Jahre in der Schweiz spricht, strahlt er. Erzählt er von seiner Familie in Jerusalem, scheint sich sein Ausdruck zu verdunkeln. «Wenn ich eine Mutter im Kriegsgebiet sehe mit einem Kind an der Hand, dann erinnert mich das an den vierjährigen Josef. Ich musste Palästina verlassen, mit meinen Eltern», sagt Kalak. Drei Wochen habe er als damals Vierjähriger im Schutzraum einer katholischen Kirche verbracht. All dies komme in diesen Wochen wieder hoch, sagt er: «Das Geschrei von Kindern, die Bomben, die links und rechts einschlagen, das alles ist mir geblieben.» Dann sei der Sechstagekrieg ausgebrochen. «Seitdem darf ich nicht in meine Heimat zurückkehren und wurde zum zweiten Mal vertrieben», sagt Kalak. Stündlich verfolgt der Pensionär die Nachrichten. «Meine Schwester in Ramallah und mein Bruder in Jerusalem sind wie Gefangene in ihren Häusern – sie sehen die Raketen fliegen,» sagt Kalak, dessen Enkelkinder im Moment nicht zur Schule gehen können – aus Angst vor einem Angriff. Die Sorge gelte nicht in erster Linie seiner Familie, sondern seinem Volk. Für dieses wünscht sich Kalak Würde, Freiheit und Frieden in Nahost. «Es ist schrecklich, wenn Zivilisten sterben. Aber das gilt für beide Seiten», sagt Kalak. Er spricht immer wieder von einer «Gewaltspirale», in der das Gebiet feststecke. Die Mehrheit der Bewohner von Gaza sei minderjährig, wachse ohne Perspektive auf, sagt Kalak. «Was am 7. Oktober geschah, war zu erwarten, wir müssen über die Gründe zu sprechen, warum sich Dinge so entwickeln, wie sie das tun.» Kalak betont, dass er gegen jede Gewalt sei.Foto: Kostas Maros Tarek Abu Hageb, Sekundarlehrer, 51: «Ich erlebe wieder, was es heisst, als arabisch aussehender Mann für einen Terroristen gehalten zu werden – wie damals nach 9/11. Still, das war Tarek Abu Hageb noch nie. In Basel kennt man den Sohn eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter als Künstler, der die Unterführung beim Heuwaage-Viadukt in eine «Bunterführung» verschönerte. Auf unsere Anfrage meldet sich Abu Hageb sofort zurück. «Mein Herz blutet», sagt er. Sein Vater sei vor dem Sechstagekrieg in die Schweiz gekommen – im Rahmen eines Hilfsprojekts der UNO. «Auch seine Familie wurde vertrieben, sie musste in den Gazastreifen flüchten.» Nach Beendigung des Sechstagekrieges war ihm eine Rückkehr in seine Heimat nicht mehr möglich. Als «Staatenloser» hätte man ihm und seiner deutschen Frau nur in Australien oder in der Schweiz eine Aufenthaltsbewilligung gegeben, sagt Abu Hageb. Mit ihren zwei Söhnen wohnt die Familie seither in Basel. Abu Hageb wird Sekundarlehrer, heute unterrichtet er Bildnerisches Gestalten und Werken. Sein Bruder arbeitet bei der Basler Polizei. Anstatt für eine «Seite» solle man für die Menschlichkeit Partei ergreifen, findet Abu Hageb, der jeden toten Zivilisten bedauere. Dass man die Toten auf palästinensischer Seite hinzunehmen scheine, sei haarsträubend. Mindestens ebenso belastend erlebe er, wie die Ereignisse seinen Platz in der Gesellschaft veränderten. Auf die Frage, ob er angefeindet werde, hat er eine klare Antwort: «Auf jeden Fall! Ich erlebe wieder, was es heisst, als arabisch aussehender Mann für einen Terroristen gehalten zu werden – wie damals nach 9/11.» Er spüre, lese in den Blicken, wie er anders angesehen werde. Er sei nicht mehr gerne draussen und lieber in der Schule.Foto: Nicole Pont L.L, Unternehmensberaterin, 54: «Mein ‹Free Gaza› auf Facebook kostete mich damals schon meine Arbeitsstelle» Dass sie «anders» sei, habe sie schon immer gespürt. Sie habe deswegen nie zugegeben, palästinensischer Herkunft zu sein, sagt L.L am Telefon. Sie stamme ursprünglich aus Nablus, Westbank, habe einen jordanischen Pass, sei Muslimin und in zweiter Generation Baslerin. Sie würde uns gerne sprechen. «Ich will aber kein Foto», schreibt sie vor unserem Treffen. L. ist am 7. Oktober in den Ferien, als sie die Nachrichten über den Angriff der Hamas erreichen. «Ich hatte mich schon an die schrecklichen Nachrichten aus meiner Heimat gewöhnt – aber das, das war anders», sagt sie. Ihr sei bewusst geworden, dass das eine Zäsur sei, eine, die auch sie betreffe, sagt sie an einem Samstagnachmittag in einem Basler Café. L. spricht Baseldeutsch, sie sei hier aufgewachsen, als zweimonatiges Baby in die Schweiz gekommen. Erst mit Mitte 40 reiste sie das erste Mal nach Nablus, ins Westjordanland, um ihre Familienangehörigen zu besuchen. «Ich hatte zu viel Angst davor», sagt L. «Also flogen wir, mein Mann, meine Schwester und ich, 2018 nach Jordanien und reisten von da nach Nablus.» Als Schweizerin sei sie «ein wenig besser behandelt worden» – die Einwohner von Nablus hätten stundenlang an den Checkpoints anstehen müssen. «Die tägliche Diskriminierung zermürbt diese Menschen.» Zurück in der Schweiz, habe sie lange mit den Bildern gehadert, dann sei sie wieder in ihr Leben eingetaucht. Und habe ihre Herkunft das erste Mal nicht geleugnet. Bis am 7. Oktober. Seither müsse sie sich wieder für ihre Herkunft rechtfertigen. «Wie vor Jahren, als mich mein ‹Free Gaza›-Post auf Facebook eine neue Arbeitsstelle kostete.» Als ein zukünftiger Arbeitgeber sie vor Vertragsabschluss wegen ihres Posts kritisierte, habe sie die Stelle zurückgewiesen. Sie wirkt gefasst, stolz. Auf ihrem Whatsapp-Profil habe sie sich deutlich positioniert, um Missverständnisse zu vermeiden, sagt sie und zeigt ihr Handy: «Liebe Kontakte, die Hemmungen haben, mich auf den Krieg in Palästina anzusprechen; nur damit kein Hauch eines Zweifels aufkommt: Ich bin keine Hamas-Anhängerin , nein, ich bin nicht antisemitisch », steht da. Sie verurteile den Tod unschuldiger israelischer Zivilisten, sagt sie. Ob das «Nie wieder» nach dem Holocaust auch für sie gelte, fragt sich L.L. Angesprochen auf den «Zorn-Tag», bei dem die Hamas zu einem weltweiten Mord an Juden aufrief, winkt sie ab. Diese Tage gebe es seit Jahren, gutheissen würde sie sie nicht.Foto: Nicole PontUnser vierter Gesprächspartner stellt gleich zu Beginn unseres Gespräches klar, dass er keinen religiösen Hintergrund habe. «Menschen mit arabischem Hintergrund sind divers, nicht alle sind fundamentalistisch», sagt Josef F. Er ist Expat, vor drei Jahren in die Schweiz gekommen und bei einer Pharmafirma tätig. Der Vater zweier Kinder hat im Baselbiet ein Haus gekauft – er wolle sich in der Schweiz dauerhaft niederlassen. «Wir haben uns sehr wohl gefühlt hier – bis jetzt.» Nach dem 7. Oktober sei alles anders. Plötzlich zweifle er, ob sie noch am richtigen Ort seien, sagt er und erklärt: «Ich habe geglaubt, dass einem Menschenrechte hier in Basel, in der Schweiz, etwas bedeuten.» Seit kurzem zweifle er daran, sagt er und öffnet auf dem Handy die Website des Kantons Basel-Stadt. Er liest aus der Resolution «Solidarität mit Israel und der jüdischen Glaubensgemeinschaft» vor, die der Grosse Rat am 19. Oktober verabschiedet hat. Darin werde Solidarität bekundet, erklärt er und fügt an, etwas leiser: «Nur für uns nicht.» Der junge Mann sitzt geknickt am Tisch. Er sei an der Grenze zu Gaza aufgewachsen und habe seine Kindheit im Konfliktgebiet verbracht. «Wir sahen, wie unwürdig die Flüchtlinge in den jordanischen Camps leben mussten. Auch wir waren Kinder damals.» Er ringt um Fassung, wischt sich unter der Lesebrille immer wieder die Tränen ab. Letzte Woche habe er zwei Tage nicht arbeiten können. Er frage sich im Alltag ständig, ob sein Gegenüber ebenso denke. Ob Mitarbeiter XY kein Mitleid mit den Tausenden von Toten in Palästina habe. Auf die Frage, ob er denn auch Mitleid mit den israelischen Toten habe, meint er: «Ja, ich bin schliesslich auch ein Vater. Wenn Kinder, Frauen, Zivilisten sterben, ist das schlimm. Egal, wo.»

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