In Zürich wird ein Computer über die Vergabe von 193 Wohnungen im ehemaligen Tramdepot entscheiden. Ein Zufallsgenerator wählt 1128 Bewerber aus, doch die Fairness der Methode wird hinterfragt.
In Zürich wird heute Mittag ein Computer darüber entscheiden, wer sich für 193 Wohnungen im ehemaligen Tramdepot bewerben darf. Ein Zufallsgenerator wählt 1128 Namen aus einer Liste von knapp 14'500 Bewerbern aus. Die Software, die die Stadt Zürich seit 2019 bei der Wohnungsvergabe einsetzt, soll die Auswahl fairer gestalten.
Doch wie genau funktioniert sie und ist sie wirklich fair? Der Zufallsgenerator hat nicht etwa die Form eines Glücksrads und ähnelt auch nicht der Ziehung der Lottozahlen. Es handelt sich um eine Software, die die Stadt Zürich seit 2019 bei der Wohnungsvergabe einsetzt. Aus den 14'467 Interessenten pickt der Computer 1128 Namen heraus. Es kommen 141 Wohnung in die Vermietung, 30 weitere folgen im Sommer. Die restlichen Wohnungen werden als interne Ausweichwohnungen benötigt, zum Beispiel bei Unterbesetzungen. 8 mal 141=1128, so kommt die Zahl zustande. Die 1128 Personen erhalten dann eine automatisierte Einladung per Mail, um ihr Bewerbungsdossier einzureichen. Die anderen 13'339 Interessierten bekommen eine Absage. Der Zufallsgenerator kann technisch nur ein einziges Mal für eine Wohnsiedlung betätigt werden. Danach erscheint ein Kreuz auf dem Bildschirm, die Taste lässt sich nicht ein zweites Mal drücken. Das ist so programmiert, um Missbrauch zu verhindern.Doch warum wählt der Computer 1128 Namen aus, wenn es doch nur 193 Wohnungen zu vergeben gibt? «Aus diesen zufällig ausgewählten Interessenten fallen erfahrungsgemäss zahlreiche wieder raus», sagt Bewirtschafterin Argjenda Asani. So melden sich Paare oft doppelt an, um ihre Chancen beim Zufallsgenerator zu erhöhen. Manche der Ausgewählten haben bereits eine andere Wohnung gefunden, andere erfüllen die Mietbedingungen nicht, hin und wieder fehlen bei Bewerbungen die erforderlichen Unterlagen. Und wiederum andere würden im letzten Moment abspringen, wenn sie die Zusage erhielten. Sobald alle Bewerbungen eingetroffen sind, teilt das System die Dossiers auf die Wohnungen auf. Dabei kommen die Zuschlagskriterien zur Anwendung, die das städtische Mietreglement vorgibt: Berücksichtigung von Personen oder Personengruppen, die auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt sind, Eignung der Wohnung in Bezug auf die Bedürfnisse der Bewerbenden. Danach folgt die Knochenarbeit für die städtische Bewirtschafterin: Sie muss die Bewerbungen hinsichtlich der Mietbedingungen – wie zum Beispiel Mindestbelegung oder Einkommen – prüfen. Das bedeutet: Nachdem das System gewaltet hat, kann die Stadt bei der Prüfung der Bewerbungen bestimmte Gegebenheiten berücksichtigen. «Hat die Software eine Person vorgeschlagen, die sich nicht in einer Notlage befindet, dann können wir einer Person den Vorrang geben, die dringend auf eine Wohnung angewiesen ist», sagt Kornel Ringli, Sprecher von Liegenschaften Stadt Zürich. Jede Wohnung werde in der letzten Runde nach dem Vieraugenprinzip vergeben. In der ersten Phase haben allerdings alle die gleichen Chancen, der Zufallsgenerator hat kein soziales Gewissen. Das heisst: Für 13'339 Menschen wird sich heute die Hoffnung auf eine Wohnung im Tramdepot zerschlagen – egal, wie hilfsbedürftig sie sind. Der Zufallsgenerator wirft die Frage auf: Darf der knappe Wohnraum eine Lotterie sein? Zumindest in der ersten Runde beim Einsatz des Zufallsgenerators hat eine alleinerziehende Mutter, die kurz vor einer Leerkündigung steht, die gleichen Chancen wie ein junger Berufseinsteiger, der seine Wohnsituation optimieren möchte, weil sein Mitbewohner schnarcht. Ringli glaubt trotzdem, dass es eine gewisse Gerechtigkeit gibt: «Der Zufallsgenerator wählt eine ziemlich grosse Gruppe aus, so dass statistisch sowohl die Verzweifelten als auch die Optimierer unter den 1128 ausgelosten Personen sind.» Es sei für das Zusammenleben in einer Wohnsiedlung wichtig, dass unterschiedliche Menschen dort wohnten. «Dem trägt sowohl das Mietreglement als auch der Zufallsgenerator Rechnung.» Aus der Sicht der Glücksforschung ist der Zufallsgenerator «sicher eine gute Idee». Das sagt der Ökonom Mathias Binswanger: «Wenn ein Zufallsgenerator Kandidaten auswählt, dann ist es letztlich Schicksal, wer für die Bewerbungen zugelassen wird. Das können Menschen relativ gut akzeptieren.» Werde hingegen nach irgendwelchen anderen Kriterien entschieden, dann würden Einzelne dies immer als ungerecht oder diskriminierend empfinden
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