Die Räuber spielen am Theater St.Gallen. Lorenz Seib bringt die Geschichte inklusiv auf die Bühne und das Publikum verbrüdert sich sofort mit der Räuberbande. Die Produktion ist eine Hommage an das Bilderbuch von Tomi Ungerer.
Hey, das ist ein Überfall: Tomi Ungerer s «Drei Räuber» treiben am Theater St.Gallen ihr Unwesen – und das Grosse Haus bebt Gepflegte Langeweile? Das kann sich ein Familienstück wie «Die drei Räuber» nach dem Bilderbuch von Tomi Ungerer schlicht nicht leisten. Lorenz Seib bringt die Geschichte inklusiv auf die Bühne, und das Publikum verbrüdert sich sofort mit der Räuberbande.Räuberfeierabend: Statt Bettruhe gibt es für Christian Hettkamp, Gianni Blumer und Jonathan Fink (v. l.
) eine Kissenschlacht, angezettelt von Tiffany (Fabienne Villiger, rechts) und ihrer Puppe Pimpanella (Lilly Hartmann).Drei Augenpaare funkeln in der Dunkelheit; über drei hohen schwarzen Hüten leuchtet eine blutrote Axt: Das Titelbild von Tomi Ungerers Bilderbuchklassiker «Die drei Räuber» macht seit mehr als sechzig Jahren zuverlässig Angstlust. «Spannend!», flüstert es aus dem Hinterhalt, man kann fast nicht anders – dieses Buch will gelesen werden. Es ist in seiner ikonischen Bildsprache ein Pageturner für kleine Hände. So rüpelhaft und unverfroren, wie die Geschichte nun am Theater St.Gallen in einer Textfassung und unter der Regie von Lorenz Seib auf die Bühne kommt, verbrüdern sich Kinder ab fünf sofort mit den drei finsteren Gesellen. Obwohl diese weder nett noch richtig schrecklich sind, auch nicht besonders hell im Kopf.Es reicht der verboten gute Räubersong von Theatermusiker Andi Peter, mit fiesem E-Bass zum dreckigen Gelächter der drei: Schon haben sie ihr Publikum im Sack. Zumindest in der Premiere am Mittwochvormittag war es so. Im Nu verwandeln sich 700 Kinder in eine abgebrühte, mitgrölende, hellwache Räuberbande. Da bebt das grosse Haus, recht so! Bleibt abzuwarten, wie es sein wird, wenn der Erwachsenenanteil im Saal und auf dem Rang in den Wochenendvorstellungen steigt. Doch bevor die Räuber richtig loslegen mit ihrem Handwerk und sich dabei das toughe Waisenmädchen Tiffany (Fabienne Villiger) einhandeln, gibt es auf der Bühne erst einmal einen Seitenhieb gegen gut gemeinte Kinderunterhaltung: in Gestalt von Herrn Stämpfli. Der will doch glatt aus seinem Werk «Der traurige Delfin» vorlesen und wird sich nicht ohne hartnäckigen Widerstand von der Bühne buhen lassen. Nicolas Lech opfert sich tapfer für diesen Running Gag, wird aber spätestens im Schlusssong ebenfalls zu den Räubern überlaufen. Denn da heisst es dann sülzig «Alle dürfen bleiben, alle haben Platz». Und das ist entschieden zu viel des Guten, was die Verdeutlichung der Message betrifft.Wesentlich mehr überzeugt, wie die Produktion als solche Inklusion umsetzt – statt sie im Happy End zum Mitklatschen einfach zu behaupten. Wie schon in «Der Sturm» in der vergangenen Spielzeit stehen auch in «Die drei Räuber» zwei Künstler «mit IV-zertifizierter kognitiver Beeinträchtigung» (so heisst es im Profil ihrer Kompanie), aber ganz eigener, umwerfender körperlicher Präsenz und Begabung auf der Bühne: Fabienne Villiger und Gianni Blumer vom Zürcher Theater Hora. Wohin mit all dem Gold? Nach einer guten Stunde Theaterräuberei werden die drei Bösewichte solide (v.l.n.r.: Fabienne Villiger, Christian Hettkamp, Gianni Blumer, Lilly Hartmann).Weder werden die beiden nach Art des Herrn Stämpfli vorgeführt, noch spielen sie ihre Kollegen aus dem Schauspielensemble des Theaters St.Gallen an die Wand. Vielmehr beflügelt das Zusammenwirken einmal mehr alle zu hemmungslos witzigem, und das heisst auch: geistreichem, begeisterndem Theater. Alles andere fände das Zielpublikum todsicher zum Gähnen. Tiffany und ihre Puppe (Lilly Hartmann) halten die Räuber dies- und jenseits der Rampe auf Trab, mit wilden, lustvollen Spielen, während Musiker Andi Peter von Hand und mit einfachsten Mitteln den Wald zum Klingen bringt.Sowohl die Textfassung als auch die Bühne und Ausstattung von Heike M. Goetze – sie hat in St.Gallen zuletzt Ibsens «Hedda Gabler» zwischen klobigen Felsen durchdrehen lassen – sind eine Hommage an das Bilderbuch von Tomi Ungerer. Nicht nur tragen die Räuber selbst ein Exemplar davon mit sich und schüchtern damit Herrn Stämpfli ein («Lies mal was Richtiges!»). Das Bühnenbild wird vielmehr zur XXL-Version des Originals, es lässt sich weiterblättern, spielt mit Pop-up-Elementen, den legendären Zeichnungen und Schattenrissen. Natürlich wird auch geplündert und säckeweise Gold gerafft, aber vor allem glänzen Gianni Blumer, Christian Hettkamp und Jonathan Fink durch scharf gezeichnete, nicht allzu schemenhafte Räubercharaktere: Das fügt dem Buch noch eine Tiefendimension hinzu.
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