1976 sang Hermann Prey den ersten Liederabend der Schubertiade Hohenems. 50 Jahre später pilgern noch immer Lied- und Kammermusikliebhaber aus aller Welt nach Vorarlberg – und lassen sich von jungen Interpreten wie Sophie Rennert oder Konstantin Krimmel in die Romantik versetzen.
1976 sang Hermann Prey den ersten Lied erabend der Schubertiade Hohenems. 50 Jahre später pilgern noch immer Lied - und Kammermusikliebhaber aus aller Welt nach Vorarlberg – und lassen sich von jungen Interpreten wie Sophie Rennert oder Konstantin Krimmel in die Romantik versetzen.
Eine fantastische Sängerin wie Sophie Rennert, ein Pianist wie Joseph Middleton an einem ein Steinway-Flügel: Mehr braucht es nicht für eine Schubert-Sternstunde. Im Schlager reimt sich Herz nur allzu oft auf Schmerz – und das ist in der Poesie, die Franz Schubert zu Liedern vertont hat, recht ähnlich. Nur dass der früh verstorbene Wiener Komponist des 19. Jahrhundert doch eine wesentlich subtilere Palette an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten auffächerte, um unglückliche Liebe, Weltschmerz, «Lachen und Weinen» zeitlos schön zum Ausdruck zu bringen.
Davon zeugen seit fünfzig Jahren die Liederabende der Schubertiade Hohenems, zu denen sich die Weltklasse dieser Kunstform auf der Bühne einfindet und Schubert-Fans von weither anreisen. Menschen, die mit Helene Fischer oder Hansi Hinterseer nichts am Hut haben und oftmals nüchternen Berufen nachgehen. Keine Träumer oder Schwärmer sind. 1976 sang Bariton-Legende Hermann Prey das allererste Schubertiade-Rezital; «Ein Leben in Liedern» gab dem Abend das Motto. Prey war, zusammen mit dem damals jungen Vorarlberger Gerd Nachbauer, Gründer des weltweit renommierten Festivals.
Jetzt, fünfzig Jahre später, blickt die Schubertiade nostalgisch auf die Programme von einst – und junge Sängerinnen und Sänger wie Sophie Rennert, Konstantin Krimmel wie Julian Prégardien oder Ilker Arcayürek singen die alten Lieder. Das Publikum war schon 1976 vermutlich eher in den reiferen Jahren: Die Jugend muss erst einmal Lebenserfahrung sammeln, um in Schuberts Ruhe Atem zu holen.
Jedenfalls gehört «Du bist die Ruh» auf ein Gedicht von Friedrich Rückert noch immer zu den Höhepunkten eines Abends mit Schubert-Liedern. Im Programm von Sophie Rennert und Joseph Middleton, dem zweiten Konzert des Jubiläumsreigens nach Konstantin Krimmels «Leben in Liedern», steht es, genau wie 1976 bei Christa Ludwig, am Schluss. Und man wagt kaum zu atmen, so endlos spannt die 1990 geborene Mezzosopranistin die Bögen.
So sehr unterscheidet sich die Welt, die sie singend heraufbeschwört, von der hektischen, reizüberfluteten und dauerbeschallten Gegenwart im «Mezzoforte-Zeitalter», das Hermann Prey schon vor Jahrzehnten beklagte. Im ersten Teil mischt Sophie Rennert Morgen- und Frühlingswonne mit Melancholie, setzt mit «Der König in Thule» dazwischen erste düstere Töne, die sie früher oder später für die grossen Wagner-Partien empfehlen.
Aber auch glasklare, lichtdurchflutete Balladen wie «Die Forelle» liegen ihr, zartest Pianokultur auf Zehenspitzen wie im «Ständchen» auf einen Text von Franz Grillparzer: Hier hat der junge Vorarlberger Frauenchor Vocalis unter der Leitung von Bernhard Lack seinen Auftritt und pocht mit der Mezzosopranistin anmutig «leise, leise / an des Liebchens Kammertür». Joseph Middleton ist ein empathischer, zuhörender Begleiter, dynamisch so flexibel, dass Sophie Rennert Zeile für Zeile nuanciert gestalten kann. Das freilich wirkt nie gekünstelt, vielmehr auf fesselnde Weise erzählt.
Im zweiten Teil des Programms überwiegen die abendlichen, nächtlichen Szenen, der betörende Gesang der Nachtigall mischt sich ein, und am Ende wagt man lange nicht zu applaudieren, den Zauber tiefer Lust und milden Friedens aufzulösen, den Middleton und Rennert im abschliessenden «Du bist die Ruh» heraufbeschwören. Wie tröstlich, dass die beiden einen guten Teil der Lieder gerade auf CD herausgebracht haben: «Irrlichter», erschienen beim Label Bis, aufgenommen in Hohenems, in jenem akustisch so vorzüglichen Saal, in dem auch die Konzerte und Liederabende der Schubertiade stattfinden.
Denn alle Lust will Ewigkeit. Heute Samstag, 2. Mai, 16 Uhr: «Die schöne Müllerin» mit Ilker Arcayürek, Tenor, und Ammiel Bushakevitz,Klaver; 20 Uhr: «Winterreise» mit Andrè Schuen, Bariton, und Daniel Heide, Klavier. Markus-Sittikus-Saal, Hohenems.
Was läuft im Theater? Welche Musikerin hat ihr neuestes Album veröffentlicht? Wo werden momentan Ausstellungen gezeigt? Hintergründe und Geschichten zum Kulturleben in der Ostschweiz finden Sie jede Woche in unserem Newsletter.
Gespräch mit Schubert, Begegnungen mit Geistern: Die Schubertiade in Schwarzenberg war am Wochenende zweimal restlos ausverkauft Die 50. Schubertiade setzt nach dem Auftakt in Hohenems ihr Programm derzeit in Schwarzenberg fort. Am Wochenende traten unter anderem der gefeierte junge Bariton Konstantin Krimmel auf – und Igor Levit mit Schuberts letzter Klaviersonate D 960: unendlich ruhig, anschliessend frenetisch gefeiert.
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