Sie schnüffeln, brüllen und übergeben sich: Im Startbereich eines Skirennens tut sich so einiges. Ein Fahrer sagt: «Man könnte glauben, dass wir alle komplett spinnen.»
Ihr Browser ist veraltet. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser auf die neueste Version, oder wechseln Sie auf einen anderen Browser wieSie schnüffeln, brüllen und übergeben sich: Im Startbereich eines Skirennens tut sich so einiges.
Ein Fahrer sagt: «Man könnte glauben, dass wir alle komplett spinnen.»Plötzlich bewegt sich Marco Odermatt wie ein Roboter. Schnellen die Handschuhe, die er in seinen Händen hält, ruckartig nach links und rechts, nach oben und unten. Seine Augen folgen dabei hektisch mal dem einen, mal dem anderen knalligen Handschuh, zwischendurch flackern sie hin und her. Die Szene, aufgenommen vor dem Start zum 2. Lauf des Riesenslaloms in Schladming Ende Januar, wirft bei manch einem Zuschauer Fragen auf. Was macht der Nidwaldner da nur? Was bringt das? Und tut er das nur deshalb, weil es sein allererstes Rennen bei Nacht und unter Flutlicht ist? Odermatt sagt: «Ich mache dieses Augen-Aktivieren schon seit ein paar Jahren und eigentlich vor jedem Skitraining und Rennen. Es hilft mir effektiv, die Augen aufzuwärmen, damit ich klar und scharf sehe.» Der Dominator des Skizirkus ist bei weitem nicht der Einzige, der das macht. Das tut auch Slalomspezialist Marc Rochat regelmässig. Eine Zeit lang folgt er dem Daumen des Physiotherapeuten, um später zwischen den Slalomstangen den Durchblick zu haben. Überhaupt gibt es allerhand spezielle Übungen zu sehen im Startbereich eines Weltcuprennens. Jeder Athlet und jede Athletin verfolgt dabei einen ganz individuellen Plan. Slalomfahrer Luca Aerni etwa wärmt sich derart intensiv auf, dass er «klitschnass» ist. Im Startbereich taucht der Berner in seine eigene Welt ein, «manchmal fragen mich die Betreuer nach dem Rennen, ob ich sie überhaupt wahrgenommen habe», sagt der Kombinationsweltmeister von 2017. Reden will Aerni während der Vorbereitung mit niemandem. Wobei es Konkurrenten gibt, die das ganz anders handhaben. Der Spanier Joaquim Salarich etwa gilt als Dauerquassler, «er spricht jeden an vor den Läufen, der braucht das offenbar. Ich ignoriere ihn einfach», sagt Aerni.Was vor dem Start passiere, werde immer wichtiger – davon überzeugt ist SRF-Experte Didier Plaschy. Er war selbst Rennfahrer und studierte Psychologie. Er sagt: «Der Athlet hat ein Protokoll, daraus wird eine Routine – und falls diese erfolgreich ist, wird sie zum Ritual und sehr schnell auch zu einem Tick. Rituale müssen angepasst werden, bis sie funktionieren.» Plaschy sagt, der Fantasie seien keine Grenzen gesetzt, «es sollte schon in der Jugend möglichst vieles ausprobiert werden, um in den perfekten Rennzustand zu kommen. Ein einmaliges Probieren reicht aber nicht aus.» Plaschy selbst, bekannt als Freigeist, trieb es einst auf die Spitze. Er fuhr gar einige Rennen, ohne den Lauf vorab zu besichtigen, einfach der Nase nach – während die meisten Athleten den Kurs mit geschlossenen Augen und mit mal grösseren, mal kleineren Handbewegungen mehrere Male durchgehen. Kurz vor seinen Einsätzen rieb sich Plaschy zudem Creme auf die Lippen, jenes Ritual hat er letztlich beibehalten. «Doch meistens spielte ich am Start den Clown und machte gern Witze, so lenkte ich mich ab.»Sogar Trash Talk, diese verbal geführten Psychospielchen, gebe es dann und wann am Start, glaubt der Walliser. «Das sind manchmal ein paar banale Gesten, zwei, drei Wörter, die beim Konkurrenten etwas auslösen können.» Plaschy erinnert sich an den Slalom in Kranjska Gora 1999, als er als Führender des ersten Laufs noch allein oben stand. «Mit Benjamin Raich und Thomas Stangassinger lagen zwei Österreicher vorne, deren Betreuer machten oben Terror, jubelten wie verrückt, damit ich nervös werde. Da dachte ich mir: Lasst mich jetzt den Hang runterfahren, dann schauen wir weiter. Und ja, ich habe gewonnen.» Es sei eine Herausforderung, auf Knopfdruck in den Bereitschaftszustand zu kommen, sagt Plaschy. «Einige müssen sich anstacheln, andere bremsen.» Luca De Aliprandini, Riesenslalom-Spezialist und Lebenspartner von Michelle Gisin, sei vor den Rennen derart geladen, dass um ihn herum quasi ganze Häuser einstürzen könnten, «der muss schauen, dass er vor dem Lauf irgendwie runterkommt», sagt Plaschy. Bei Ramon Zenhäusern wiederum sei das ganz anders, «darum gab er Laute von sich, die wie ein brünstiger Elch klangen, um sich voll zu aktivieren». Besonders intensiv und für alle Öffentlichkeit seh- und hörbar tat das der gross gewachsene Walliser vor dem zweiten Slalomlauf in Schladming 2019. Immer wieder brüllte er lautstark, eingefangen von der Kamera im Starthaus, ehe er sich abstiess. «Ich brauchte das, um meinen Kopf freizubekommen», sagt Zenhäusern. «Ich war Vierter – und hatte doch so viele Zweifel und Ängste. Die Piste war eisig und steil, am Streckenrand hatte es 50’000 Fans: Ich musste mir die Anspannung aus dem Leib schreien.» So intensiv tut das der 31-Jährige selten, meist brummt oder knurrt er vor sich hin, «ich will so die Gedanken vertreiben wie ein Tier, das gerade auf dem Sprung ist. Ohne Gedanken bin ich schneller, denn sobald ich während der Fahrt denke, fehlt mir die Intuition.» Um diese zu aktivieren, geht Zenhäusern immer gleich vor: «Erst fauste ich mit den Betreuern im Starthaus ab, aber ohne sie anzuschauen, damit ich in meinem Tunnel bleibe, dann schlage ich mir mit der Faust kräftig auf die Brust.» Und das alles – ganz wichtig – mit der linken Hand, «weil das die rechte Hirnhälfte beansprucht. Und dort sitzt die Intuition, während die linke eher für das Rationale zuständig ist», sagt Zenhäusern. «Und auf die Brust schlage ich mir, weil das Wut-Hormone auslöst.»Im letzten Moment hält er sich auch noch einen Stift unter die Nase, einen sogenannten Energy-Stick, der mit seinem Geruch dazu führen soll, dass die roten Blutkörperchen mit mehr Sauerstoff versorgt werden. «Wer uns da oben am Start so zusieht, könnte schon glauben, dass wir alle komplett spinnen», sagt Zenhäusern. Er macht seit letzter Saison auch auf Zirkusartist, jongliert jeweils mit drei Schneebällen, um die Augen wach zu kriegen. Zu den gängigsten Übungen – gerade im Slalom – gehört das: Eine Betreuerin hält zwei Bälle in der Hand, einer blau, einer rot, wie die Torstangen. Sie lässt einmal den einen, dann den anderen, manchmal auch beide gleichzeitig fallen, die Athletin oder der Athlet muss sie auffangen. Zenhäusern wärmt auch den Rumpf auf und macht zwei bis drei Sprints den Hügel hoch. In jungen Jahren habe er es oft übertrieben, sagt er, bachnass stand er dann jeweils am Start, die Kräfte praktisch aufgebraucht. Mittlerweile nimmt er es gelassener. Es gibt aber immer noch einige Athleten, die sich auspowern vor dem Start, Dutzende Liegestützen machen. Besonders auffällig verhält sich der Norweger Henrik Kristoffersen. Er räuspert sich pausenlos, spuckt in den Schnee, vor dem Start übergibt er sich regelmässig. «Gerade in seinen grössten Erfolgsjahren war er da oben extrem unlustig», so sagt es Zenhäusern. Mittlerweile habe aber auch er sich beruhigt. Regelmässig übergeben muss sich vor dem Start auch der Kroate Filip Zubcic.Ganz anders als Kristoffersen geht Michelle Gisin mit der Nervosität vor dem Start um. Neben den üblichen Aufwärmübungen macht sie neurozentriertes Training, konzentriert sich also bewusst auf ihre Bewegungsabläufe, um auch das Gehirn zu fordern. Die Lockerheit sucht sie, indem sie Musik hört, auch einmal ein Lied singt oder vor dem Start bewusst lächelt. «Ihr ist es besonders wichtig, nicht zu verbissen zu sein, sondern Freude am Skifahren zu haben», sagt Julia Winkler, nun schon die vierte Saison die Physiotherapeutin der Allrounderin.Winkler kümmert sich aber auch um die anderen Schweizerinnen, erst drei Jahre lang um die Technikerinnen, mittlerweile um die Speedfahrerinnen. Und sie hat Unterschiede festgestellt. «Bei den Slalomfahrerinnen ist es naturgemäss hektischer. Die Aufwärmübungen sind explosiver, es geht ja dann zwischen den Stangen auch schnell hin und her. Bei den Abfahrerinnen ist es viel ruhiger am Start, die meisten sind in ihrem Tunnel. Auch ist der Respekt untereinander spürbar, niemand wird gestört», sagt sie. «Schliesslich fahren sie danach mit über 100 km/h den Berg hinunter.» ist seit 2007 Redaktor im Ressort Sport und begleitet sowohl den Ski- als auch den Formel-1-Zirkus vor Ort und aus der Ferne. Er ist zudem als Blattmacher und Tagesleiter für das Ressort Sport tätig. ist seit 2008 für Tamedia tätig. Er fungiert als Vorsitzender des Berner Sport-Teams sowie als Stellvertreter der Ressortleitung. Zudem begleitet er den Ski-Zirkus vor Ort und aus der Ferne, berichtet über Eishockey und den Schwingsport.
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