Friedrich Merz' Heimatregion Sauerland ist auch ein Spiegel der deutschen Politik. In Brilon, wo Merz geboren wurde, diskutieren CDU-Anhänger die Zukunft der Partei und mögliche Koalitionen. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg und die Integration von Migranten sind Themen, die auch hier im Sauerland eine Rolle spielen. Ein Blick hinter die Kulissen der deutschen Politik.
Das Sauerland ist eine eigenwillige Region: ein Bergidyll wenige Kilometer östlich des Ruhrgebiets. Aber ist die Welt hier noch in Ordnung? Ein Gang an die frische Luft gibt Aufschluss.«Einmal 33 reicht in Deutschland !»: Ernster als die Rede, die Merz am Sonntag in Brilon hielt, kann eine Ansprache kaum enden.Zechentürme, Arbeitersiedlungen und vielspurige Autobahnen sieht vor dem inneren Auge, wer an Nordrhein-Westfalen denkt.
Doch keine halbe Zugstunde östlich des Dortmunder Westfalenstadions beginnt schon das Sauerland, eine Mittelgebirgslandschaft, die in ihrer Schönheit, aber auch in ihrer Abgeschiedenheit und Düsterkeit an das Schweizer Jura erinnert. Nadelwald, Stauseen und kleine Fabriken prägen das Bild. Als «Dolomiten der Niederlande» hat der Historiker Ulrich Raulff, ein Sohn der Gegend, das Sauerland ein wenig spöttisch bezeichnet: Schneller ist von Rotterdam oder Eindhoven kein Skigebiet mit dem Wohnwagen erreichbar. «Wenn morgens früh die Sonne lacht, hat das die SPD gemacht», lautet ein alter Spruch, der den staubgeplagten Bergarbeitern des nahen Ruhrgebiets, die einst die gewerkschaftlichen Erholungsheime im «Land des grossen Durchatmens» (Raulff) bevölkerten, sofort eingeleuchtet haben muss.erhielt 2021 40 Prozent der Stimmen, als er sich um das Bundestagsmandat im Hochsauerlandkreis bewarb: ein Ergebnis, das anderswo in Deutschland kaum noch denkbar wäre.Brilon, das 25’000-Einwohner-Städtchen, in dem Merz geboren wurde und aufgewachsen ist, liegt 450 Meter über dem Meeresspiegel. Fachwerk und Schieferdächer prägen das Stadtbild; lateinische Inschriften über manchen Giebeln künden von Feuersbrünsten, wundersamen Errettungen und dem segensreichen Wirken der Jungfrau Maria. Unter den Füssen der Passanten knirscht der Schnee. Ein Angebot an Wirtshäusern und Beizen, wie man es so nur noch selten in deutschen Städten dieser Grösse findet, zeugt vom Wohlstand der Region, die durch zahlreiche «hidden champions» geprägt ist, kleine und mittelständische Betriebe, die oft in alle Welt exportieren. Kalt ist es hier oben, aber zumindest an diesem Wochenende auch sonnig: Der Nebel bleibt in tieferen Lagen hängen. So liegt die St.-Hubertus-Schützenhalle, in die die örtlichen Christdemokraten zum Weisswurstfrühstück geladen haben, in gleissendem Licht da.«Mehr Sauerland für Deutschland», verkünden die Wahlplakate, wobei «Sauerland» in diesem Fall «Merz» meint. Glaubt man den Umfragen, lief es für den CDU-Chef, als Redner die Hauptattraktion dieses Sonntags, schon einmal besser: Nur noch 29 Prozent sagt eine neue Umfrage der Union voraus; vor einigen Wochen waren es noch deutlich über 30. Die Schützenvereine gelten im wald- und wildreichen Sauerland noch immer als Rückgrat des sozialen Lebens. In der St.-Hubertus-Halle künden Fotografien und Tafeln von den Schützenkönigen der vergangenen Jahrzehnte: «Stefan und Bettina Rosenbaum. Königspaar 1991-1992. Stadtkönigspaar 1991-1994. Kaiserpaar 1992-2017», heisst es dort etwa. Das Publikum ist von einer ethnischen Homogenität, wie man sie in Deutschland nur noch selten findet. Einen äusserlich erkennbaren Migrationshintergrund haben nur einige Mitarbeiter der Security. Zwei Männer mit Hipsterbärten, beide CDU-Mitglieder und ungefähr 30-jährig, sitzen bei Weizenbier und Weisswürsten zusammen. «Unsere Namen lassen wir lieber weg», sagt einer von ihnen. «Merz wird auf jeden Fall Kanzler werden, wegen der schwachen Gegenkandidaten», erklärt der andere. «Aber er ist selbst auch schwach», wirft sein Kollege ein. «Am Ende wird er mit der SPD oder den Grünen regieren.»sagt der Mann. «Oder wenigstens für eine Tolerierung durch die AfD», meint der andere. Viele hier im Saal sähen das wohl ähnlich, aber die schwiegen lieber. Auch im Sauerland gehe längst die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg um. «Und in den Städten fühlt man sich wie im Ausland», sagt sein Kollege. Ein Russlanddeutscher habe ihm erzählt, sein Sohn nehme kein Leberwurstbrot mehr in die Schule mit, weil er von muslimischen Schülern schikaniert worden sei.Die Blasmusik-Kapelle intoniert den Bayrischen Defiliermarsch; Friedrich Merz und Markus Söder, der bayrische Ministerpräsident und Parteichef der Christsozialen, marschieren in die Halle ein. Es ist der einzige gemeinsame Auftritt ausserhalb Bayerns, den die Chefs der beiden Schwesterparteien in diesem Bundestagswahlkampf absolvieren. «Wenn man als Bayer nach Nordrhein-Westfalen einreisen darf, dann hierher ins Sauerland», scherzt Söder zu Beginn seiner Rede. Der Unterschied zwischen Bayern und Norddeutschland, den er in heimischen Bierzelten gerne betont, muss hier einem Gegensatz von Berlin und Provinz weichen: «In jeder Kleinstadt gibt es mehr Verstand als im ganzen Regierungsviertel», ruft der CSU-Chef in die Hall
CDU Friedrich Merz Koalition Afd Sauerland Politik Deutschland Wahlkampf Migration
Switzerland Neuesten Nachrichten, Switzerland Schlagzeilen
Similar News:Sie können auch ähnliche Nachrichten wie diese lesen, die wir aus anderen Nachrichtenquellen gesammelt haben.
Das Sauerland-Dilemma: Friedrich Merz träumt von einer Koalition mit der AfDDer Text beschreibt den Besuch von Friedrich Merz und Markus Söder in Brilon, Sauerland, und analysiert die Stimmung der CDU-Basis vor dem Hintergrund der AfD-Bedeutung in der Region. Es werden die Sorgen der Menschen um den wirtschaftlichen Abstieg und die Angst vor Ausgrenzung durch Migration thematisiert.
Weiterlesen »
Merz' Dilemma: Das Sauerland träumt von einer Koalition mit der AfDDer CDU-Chef Friedrich Merz hielt in seinem Heimatort Brilon eine Rede, die von der Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg und der Sehnsucht nach einer stabileren Zukunft geprägt ist. In seiner Heimatregion Sauerland wird die Frage nach einer Koalition mit der AfD immer lauter.
Weiterlesen »
Friedrich Merz orientiert sich an Konrad Adenauer - Ein KommentarDer Autor lobt Friedrich Merz für seine Orientierung an Konrad Adenauer und sieht in der Reise Adenauers nach Moskau 1955 einen diplomatischen Höhepunkt. Er speculates, dass eine Außenministerin wie Annalena Baerbock diesen Erfolg nicht erreicht hätte. Außerdem drückt er seine Freude über die Rückkehr der Sendung aus und bewertet Trump und Musk als Macher mit Visionen.
Weiterlesen »
Nach der Tat in Aschaffenburg - Friedrich Merz, Angela Merkel und das Ende der WillkommenskulturMesserangriff in Aschaffenburg
Weiterlesen »
Merz: Nur geeint ist Europa ein starker Partner für TrumpFriedrich Merz, deutscher Kanzlerkandidat der CDU/CSU, ruft zu einer geeinten europäischen Position auf.
Weiterlesen »
Merz fordert radikale Kurskorrektur: «Es kann nicht so weitergehen»Friedrich Merz, Unionskanzlerkandidat, ruft zum Abschluss einer Klausurtagung des CDU-Vorstands zu tiefgreifenden Veränderungen in der deutschen Politik auf.
Weiterlesen »