Das Orchestra della Svizzera Italiana (OSI) in Lugano hat einen neuen Vertrag für Künstler eingeführt, der politische Äußerungen auf der Bühne und in den sozialen Medien verbietet. Dieser Schritt wurde nach Protesten über politische Statements von Künstlern wie Christina Daletska getroffen. Der Vertrag wird als Restriktion der Meinungsfreiheit kritisiert, während das OSI betont, dass es sich um eine Entscheidung zur Vermeidung von Polarisierung und unfreiwilliger Instrumentalisierung des Publikums handelt.
Konzert veranstalter erzählen gerne das Märchen von der unpolitischen Musik , um sich zu schützen. Das Orchestra della Svizzera Italiana (OSI) geht nun in Lugano so weit, dass es den Künstler n verbietet, sich auf der Bühne und auf Social Media politisch zu äussern. Als am 23. Januar das Israel Philharmonic Orchestra in Lugano auftrat, wurde einmal mehr deutlich, wie politisch Musik ist - oder wie politisch aufgeladen sie werden kann.
Vor dem LAC demonstrierten damals keine hundert Palästinenser nahestehende Menschen gegen den Auftritt der Israeli, machten einen Riesenlärm. Drinnen im Saal dann regierte die Musik, da kam es zu keinerlei politischen Äusserungen. Seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine stehen vor allem russische Musiker und Musikerinnen im Fokus der Klassikwelt. Künstler, die in Putins Machtsystem ein Rädchen bildeten, bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften ihr Können zeigten. Putins Musikzar Valery Gergiev dirigierte auch mal in Palmyra in der Wüste Syriens, um Russland als Friedensbringer zu feiern. Der innerste Kreis von ihnen erhielt Festival-Intendanten-Jobs, neue Konzerthäuser – und Millionen. Einige russische Musiker zogen sich in den letzten drei Jahren ganz nach Russland zurück, viele andere blieben im Westen, ein Bruchteil von ihnen zeigt sich kritisch gegenüber Putin, die meisten schweigen. Ganz im Unterschied zu den ukrainischen Künstlern: Dirigentin Oksana Lyniv zeigt sich oft mit ukrainischen Flaggen, dirigiert – etwa am Lucerne Festival – ukrainische Jugendorchester und ukrainische Musik. Andere mit der Ukraine sympathisierende Künstler waren ruhiger, spielten vielleicht mal eine Zugabe eines ukrainischen Komponisten. Immerhin: Wer verstehen wollte, begriff. Die seit 21 Jahren in der Schweiz lebende ukrainische Mezzosopranistin Christina Daletska, die eine grosse Karriere gemacht hat, begnügte sich nicht mit Zugaben. Sie ist von Natur aus eine hochengagierte Frau, ist Menschenrechtsaktivistin und offizielle Botschafterin von Amnesty International Schweiz und Art for Amnesty. Daletska macht in den Konzerten immer wieder auf das Leid in der Ukraine aufmerksam, sammelt und koordiniert täglich humanitäre Hilfe, unterstützt die geplagte Bevölkerung auch mit ihrem eigenen Geld, suchte das Gespräch mit dem Publikum oder zeigte sich in Lugano im April 2023 in einer ukrainischen Flagge auf der Bühne. Das kam beim Orchestra della Svizzera Italiana nicht gut an, wie aus der Tessiner Tageszeitung «La Regione» zu erfahren ist. Für das Konzert am 14. November im LAC in Lugano erhielt Daletska einen neuen Vertrag – und staunte zusammen mit Dirigent Heinz Holliger. Das Orchester akzeptiert nicht mehr, politisiert zu werden, man sei apolitisch. In den Verträgen steht nun, dass keine politischen Gesten oder Aktivitäten gezeigt werden dürfen. Auf und neben der Bühne – verboten sind auch politische Posts. Dieser Vertrag geht an alle Künstler, die in Lugano auftreten. Andere Orchester haben keine solchen Verträge, schränken sie doch die Meinungsfreiheit der Künstler rigide ein. Aber über Äusserungen oder Posts wird durchaus diskutiert. Zu erinnern ist an den türkischen Pianisten Fazil Say, der im Oktober 2023 vier Konzerte bei den Migros Classics nicht spielte, da er im Vorfeld einen israelfeindlichen Post des türkischen Staatspräsidenten Recep Erdoğan retweetet hatte. Die Migros wollte bloss, dass er den Tweet löschte – er tat es nicht, worauf er sich selber vom Vertrag zurückzog. Ein von dieser Zeitung via Luzerner Sinfonierochester vorgelegtes Interview zum ganzen Fall lehnte er danach ab, obwohl die Fragen, wie angeordnet, schriftlich vorgelegt worden waren. Schwamm drüber? Say trat alsbald beim Luzerner Sinfonieorchester im KKL und anderswo wieder auf die Schweizer Bühnen. Am 11. Mai spielt man ein Klavierkonzert von ihm im KKL Luzern, das begleitende Orchester ist das Orchestra Svizzera Italiana. Das OSI ist ein Spitzenorchester auf Weltniveau. Eine wahre Entdeckung im Tessin. Hervorgegangen aus dem gebührenfinanzierten Radio-Orchester der RSI. Heute muss das OSI finanziell auf eigenen Beinen stehen und sich seine Mittel von Stadt, Kanton, Gemeinden, Firmen, Sponsoren, Mäzenen, zahlendem Publikum etc. sichern. Verständlicherweise will man sich unnötige Polarisierung und unfreiwillige Instrumentalisierung des Publikums zu Recht ersparen. Politik hat auf der klassischen Konzertbühne nichts verloren. Dieses Jahr sitze ich morgen zum dritten Mal im Publikum des OSI und will mir nicht politischen Aktivismus über die Ohren ziehen lassen, sondern ausschliesslich ein hervorragendes Klangerlebnis. Alles unabhängig von der politischen Meinung. Hut ab vor der Entscheidung des OSI
Musikkultur Konzert Politik Meinungsfreiheit Orchester Vertrag Äußerung Künstler Lugano Schweiz
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