Hohe Lebenshaltungskosten, marode Infrastruktur und Bürokratie treiben die Wähler zur AfD. Die CDU unter Kanzler Merz bleibt nicht untätig. Doch die Zeit spielt gegen die einstige Volkspartei.
Deutschland könnte vor einem Aufschwung stehen – für die CDU dürfte er zu spät kommen Hohe Lebenshaltungskosten, marode Infrastruktur und Bürokratie treiben die Wähler zur AfD.
Die CDU unter Kanzler Merz bleibt nicht untätig. Doch die Zeit spielt gegen die einstige Volkspartei. Wenn nur dieser verdammte Strandkorb nicht wäre. Das teure Sitzmöbel, das Philipp Amthor, Staatsminister für Bund-Länder-Angelegenheiten, auf die Terrasse seines ausladenden Büros im deutschen Kanzleramt transportieren liess, wurde in der ZDF-Doku «Inside CDU» zum Symbol tiefer Entfremdung.
Für den 33-jährigen Politiker aus dem Ostseeanrainer Mecklenburg-Vorpommern mag das Geflecht ein Stück Heimat bedeuten. Für Kritiker verkörpert es schlicht die Abgehobenheit der Herrschenden im Berliner Regierungsviertel. Amthor ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Politik. Der intelligente, spleenige CDU-Vertreter wirkt trotz seiner Jugend aus der Zeit gefallen – zwanghaft onkelig, gestelzt konservativ.
In ruhigeren Dekaden hätte man ihn als exzentrischen Kultpolitiker gefeiert. Doch in einer Zeit, in der die Stimmung im Land auf dem Tiefpunkt scheint, wird eine solche Figur zur idealen Projektionsfläche für den Frust der Menschen. Die CDU, auch Union genannt, findet auf die vorherrschende gesellschaftliche Unzufriedenheit kaum Antworten. Kanzler Friedrich Merz räumte diese Ratlosigkeit unumwunden ein, nachdem seine Partei am vorletzten Wochenende bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern erstmals den Parlamentseinzug verpasst hatte.
Lange Zeit musste sich die Union diese Fragen auch nie stellen. Die bürgerliche Volkspartei, die unter Konrad Adenauer die junge Bundesrepublik so erfolgreich im Westen und die Marktwirtschaft in ihr verankert hatte, war darob jahrzehntelang wählerstärkste Kraft. Sie galt als disziplinierter, von oben geführter «Kanzlerwahlverein», Abonnement auf das Amt des Regierungschefs inklusive. Unter Ex-Parteichefin und -Kanzlerin Angela Merkel rückte die Partei dann nach links, absorbierte sozialdemokratische Positionen und sorgte mit für die Verzwergung der SPD, ihrer einst grossen Volksparteirivalin.
Doch damit ging auch das Mantra von CSU-Übervater Franz Josef Strauss, «rechts neben uns ist nur die Wand», vergessen und die Alternative für Deutschland stiess in diesen Raum vor. In Sachsen-Anhalt verfehlte die AfD bei der Landtagswahl Anfang September die absolute Mehrheit nur knapp. In bundesweiten Umfragen deklassiert sie die etablierten Kräfte und rangiert mit rund 30% klar auf dem ersten Platz, weit vor der CDU.
Doch die AfD reüssiert auch, weil schlicht viele Bürger das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates im Angesicht tief empfundener Krisen verloren haben. Trotz faktischer Vollbeschäftigung ist das allgemeine Preisniveau seit Pandemie und Ukrainekrieg rund ein Viertel gestiegen; allein die Energiepreise kletterten seit 2022 fast 30% – Trumps Irandesaster sei ebenfalls gedankt. Zwar erholen sich die Löhne, doch der Kaufkraftverlust sitzt tief. Weltweit hat diese ökonomische Verunsicherung dazu geführt, dass Regierungen reihenweise abgewählt wurden.
«Die positiven Effekte der Berliner Politik werden Jahre brauchen, um in der Lebensrealität der Wähler spürbar zu werden. » In Deutschland paart sich dieser Trend mit Strukturproblemen. Die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn liegt nur noch bei 60%, öffentliche Infrastruktur verfällt. Überbordende Bürokratie lähmt Unternehmen, was dazu führt, dass für globale Industriekonzerne die Schaffung von Arbeitsplätzen in der vermeintlichen Hochpreisinsel Schweiz attraktiver ist als in Deutschland, wie der Patron des Kettensägenherstellers Stihl, Nikolas Stihl, gerne erzählt.
Hinzu kommen tektonische Verschiebungen in der Exportwirtschaft, die sich in der VW-Krise und deren Sparprogramm manifestieren. Die Industrie profitierte in den Merkel-Jahren von billigem Russengas, einem schwachen Euro und dem unersättlichen chinesischen Markt. Diese Ära ist vorbei. Washington schottet seine Märkte ab, während China zum aggressiven Konkurrenten avanciert.
Im zweiten Quartal überstiegen Autoimporte aus China erstmals die Exporte dorthin; das Handelsdefizit mit der Volksrepublik wuchs auf über 2% der deutschen Wirtschaftsleistung an. Genau das treibt die Menschen um, wie eine TV-Dokumentation vor der Wahl in Sachsen-Anhalt festhielt. Kein einziger Befragter – darunter viele AfD-Wähler – bezeichnete Migration als zentrales Problem, worauf die in Teilen gesichert rechtsextreme Partei so sehr abstellt.
Viele Wähler sehen in ihren Vertretern eben aber auch nicht das Modell des neuen homo politicus. Die AfD wird schlicht als einzige Oppositionspartei wahrgenommen, die für Versäumnisse der Vergangenheit nicht verantwortlich gemacht werden kann, weil sie anders als CDU, SPD und Grüne nie Regierungsverantwortung getragen hat. Dieser Frust über das Establishment spült auch am linken Rand radikale Kräfte empor. In Berlin wurde die Linkspartei mit Parolen wie «Enteignet die Immobilienbesitzer» stärkste Kraft und könnte mit Elif Eralp die Bürgermeisterin stellen.
Diesen Samstag wird der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. 36 Jahre nachdem zum ersten Mal der Nationalfeiertag des wiedervereinigten Deutschlands an einem 3. Oktober begangen wurde und der Unrechtsstaat DDR endlich das zeitliche segnete, schicken sich die direkten Nachfolger der sozialistischen Diktatorenpartei SED an, wieder die Geschicke der Hauptstadt – und nicht nur des östlichen Teils – zu lenken. Was bleibt der CDU da jetzt noch für Auswege aus ihrer und Deutschlands Krise?
Eine Auswechslung des Kanzlers wurde intern wohl diskutiert, doch keiner der starken Männer der Partei, die Ministerpräsidenten, allen voran Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen, will auf dem Berliner Schleudersitz Platz nehmen. Der Koalition bleibt nur die Flucht nach vorn durch Sachpolitik. Das wichtigste Instrument ist das 500 Mrd. € schwere Schuldenprogramm – «Sondervermögen» genannt – für Infrastruktur und Aufrüstung.
Ergänzt wird es durch eine Unternehmens- und zaghafte Einkommenssteuerreform, Investitionsanreize sowie ein Entlastungspaket mit befristetem Tankrabatt und Spritpreisdeckel ab 2027. Flankierend ist ein umfassender Bürokratieabbau geplant. Sozialpolitisch sieht die Regierung eine dringend nötige Renten- und Pflegereform vor, die angesichts der Wahlschlappen nun vom Koalitionspartner SPD aber bereits wieder blockiert wird. Wie Manna vom Himmel scheint obendrein die deutsche Wirtschaft von sich aus junge Triebe zu zeitigen.
Im zweiten Quartal 2026 wuchs sie 0,3%; das Niveau von 2022 ist erreicht. Ökonomen prognostizieren 2026 ein Wachstum von 1%, 2027 von rund 1,3%. Die Exporte erholen sich, die Arbeitsproduktivität legt zu. Kapitalmarktstrategen erwarten für deutsche kotierte Unternehmen 2027 ein Gewinnwachstum von 17%.
Doch diese Daten kommen in der Breite der Gesellschaft derzeit nicht an. Die positiven Effekte der Berliner Politik werden Jahre brauchen, um in der Lebensrealität der Wähler spürbar zu werden. Und ob das Ganze die Nachteile hoher Energiekosten und asiatischer Konkurrenz auf Dauer kompensieren kann, bleibt abzuwarten. So steht kurzfristig der regierenden Koalition, insbesondere der CDU, ein brutaler Abnutzungskampf bis zur nächsten Bundestagswahl 2029 bevor – wenn es die Berliner Partner überhaupt bis dahin schaffen.
Darin liegt vielleicht die eigentliche Krux der Partei Adenauers. Um die AfD von der Macht fernzuhalten, wird sie gezwungen sein, mit linken Parteien zu regieren oder sich stützen zu lassen. Dies verwässert ihr wirtschaftsliberales Profil und erlaubt es der AfD, sich als die besseren Bürgerlichen zu gerieren. Die kurzfristige personalpolitische Antwort der CDU darauf?
In Mecklenburg-Vorpommern, wo die Partei am vorvergangenen Wochenende in die Bedeutungslosigkeit abrutschte, soll ein neuer, junger Chef sie wieder auf Vordermann bringen. Der Name des Heilsbringers: ausgerechnet Philipp Amthor. Sein Strandkorb soll anscheinend schon wieder den Weg von der Kanzleramtsterrasse an die Ostsee zurückgefunden haben.ist Leiter des Ressorts Meinungen bei «Finanz und Wirtschaft». Er verantwortet unter anderem die Planung und Umsetzung von Leitartikeln, Kommentaren und Gastbeiträgen sowie die nationale und internationale politische Berichterstattung.
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