Zimmermannhaus Brugg mit zwei Ausstellungen: Wo ist die Natur verschwunden?

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Zimmermannhaus Brugg mit zwei Ausstellungen: Wo ist die Natur verschwunden?
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Zimmermannhaus Brugg mit zwei Ausstellungen: Wo ist die Natur verschwunden? Steve Fors und Christoph Brünggel sowie Pearlie Frisch

Wo ist die Natur verschwunden? Was bleibt von der Herkunft? Zwei Ausstellungen in Brugg machen sich auf die SucheHyperrealität und Entfremdung: Zwei Ausstellungen im Zimmermannhaus Brugg sind begehbare Stillleben um Natur und Fiktion und betreiben biografische Herkunftsforschung.

Hier lässt man sich gemütlich von Kunst irritieren. Pearlie Frisch und Christoph Brünggel in «STILL. LIVE». So einladend!

Eine Kunstausstellung, in der man es sich gleich mal auf Gartenstühlen gemütlich machen darf. Wie angenehm! Fehlt nur noch der Apérol Spritz auf dem Gartentischchen. Sommerlich heiss wird es hier ohnehin, der Wärmestrahler gleich über dem Sitzplatz glüht recht bedrohlich.

Eine Anspielung auf den Hitzesommer wegen der Klimaveränderung? Was wird hier simuliert? Es ist ein grandioses Stilleben, und wir mittendrin. Man ist über künstlichen Kiesboden gelaufen und schaut nun auf eine Wand, die wie eine Theaterkulisse wirkt: Ein geschmackvoll dekoriertes Wohnzimmer mit Gemälden, altmodischen Vitrinen und einem Kunstbäumchen, das jeden Ikea-Ausstatter neidisch machen müsste.

Im Topf steht ein zwei Meter langer Ast, auf dem farbige Blütenkugeln stecken. Die sehen aus wie farbige Hortensien, sind aber ebenfalls aus Kunststoff. Eine Simulation einer Stehlampe! Sieht noch lustig aus.

«Vielleicht soll man es sich doch nicht so gemütlich machen», sagt Kunsthaus-Co-Leiterin Maria Bänziger. Und hat natürlich recht. Aber aufdringlich ist hier nichts. Die Irritation setzt erst nach und nach ein.

Etwa, wenn man die Gemälde genauer betrachtet: Abbildungen aus Brehms Tierleben aus dem 19. Jahrhundert, auf denen der Künstler Steve Fors Kleinigkeiten ergänzt. Hinter farbigen Schmetterlingen qualmt eine Fabrik. Und hinter einem Bienenschwarm taucht ein winziges Flugzeug auf - das womöglich gleich Insektizide versprühen wird?

Und wenn man aus den Lautsprechern Grillen so messerscharf und rhythmisch zirpen hört, denkt man unwillkürlich an die Duschmordszene aus Hitchcocks «Psycho». Der Brugger Akustik-Künstler Christoph Brünggel hat eine Klanglandschaft komponiert: Auf 20 Minuten Naturtöne folgen 22 Minuten dystopische Synthesizierklänge - aus dem wohligen Gartengefühl mit Insektenklängen, Kranichen aus Finnland und Seetaucher aus Island geht es direkt in brachiale, unheimliche, verfremdete Sounds aus Kraftwerken. So einladend diese Ausstellung auf den ersten Eindruck wirkt, so irritierend und vielschichtig wird sie also.

Und man fragt sich: Was ist hier naturecht, was kunstgemacht? Was für eine Welt entsteht hier? Und wenn man an der Duftdose schnuppert, wird die Simulation sogar riechbar. Consuelo de Moraes, Insektenkundlerin und ETH-Professorin für Biokommunikation, hat ein Pheromon synthetisch hergestellt, das Pflanzen in ihrer natürlichen Form zur Schädlingsbekämpfung produzieren.

«Simulacrum», ein Begriff des französischen Philosophen Jean Baudrillard, sei der Ausgangspunkt für diese Ausstellung gewesen, erklärt Christoph Brünggel. Was geschieht, wenn Abbildungen sich vom Dargestellten lösen, eine eigene Welt mit eigenen Referenzen produzieren und so zur Hyperrealität werden? Ein höchst aktuelles Thema, spätestens seit das Internet mit KI-Bildern überschwemmt wird. Für den Ausstellungsbesuch muss man aber kein Philosoph sein und kein Buch von Baudrillard gelesen haben.

Denn hier wird die Hyperrealität und gleichzeitig der Realitätsverlust riech-, hör- und sehbar als Erlebnislandschaft zum inspirierenden Vergnügen. Man erkennt, dass schon Brehms Tierleben in der Hochblüte der Industrialisierung eine Art Hyperrealität waren; dass unsere Sicht auf Natur zu Idylle oder Albträumen neigt, zu Angst oder Sehnsucht; dass wir letztlich viel zu wenig über die Natur wissen. Vielleicht nimmt man diese wunderschöne Ausstellung zum Anlass, diesem Gefühl der Entfremdung eine freudige Beschäftigung mit realer Natur entgegenzusetzen?

Entfremdung ist auch in der zweiten Ausstellung ein Kernthema - und zwar biografisch. Die Aargauerin Pearlie Frisch begibt sich auf die Spuren ihrer philippinischen Herkunft und tut dies auf fast schon minimalistische Art. Im Zentrum steht, oder besser hört man Frischs Mutter. Sie, die unsichtbar bleibt, liest Briefe an ihre Mutter in ihrer Sprache Tagalog.

Eine Sprache, die für Pearlie Frisch vertraut klingt, ihr jedoch unverständlich bleibt. Zu Hause hätten sie Englisch gesprochen, erzählt sie. Die Sehnsucht bleibt allerdings auch für die Besuchenden der Ausstellung unaufgelöst. Eine Übersetzung der Briefe liegt nicht vor.

Wenn man aber die kleine Madonnafigur im Plakat sieht, wird einem bewusst, wie global Kultur sein kann. Die nach flandrischen Drucken von chinesischen Einwanderern mit afrikanischem Elfenbein auf den Philippinen hergestellten Figuren wurden nach Mexiko und Spanien exportiert. Menschen und Heiligenfiguren teilen so ein Stück weit ihre Migrationserfahrung.

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