Woldemar Muischneek ist tot: Der Doyen der Bundeshausjournalisten

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Woldemar Muischneek ist tot: Der Doyen der Bundeshausjournalisten
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Zum Tod von Woldemar Muischneek (1936–2026), dessen Vater vor 120 Jahren vor der Macht des Zaren fliehen musste.

Zum Tod von Woldemar Muischneek , dessen Vater vor 120 Jahren vor der Macht des Zaren fliehen musste. Kürzlich ist in Spiegel bei Bern der langjährige Bundeshaus redaktor des alten Badener Tagblatts , Woldemar Muischneek, im 91.

Lebensjahr verstorben. Muischneek trat 1961 als Inlandredaktor in die von Verleger Otto Wanner geführte BT-Redaktion ein. Der Aufstieg des BT von der nur im Raum Baden verankerten Lokalzeitung zum schweizweit bekannten «Klassiker der Regionalzeitung» mit einer Auflage von fast 60‘000 Exemplaren hat einiges mit dem Namen Muischneek zu tun. Woldemar Muischneeks Familie, der Name verrät es, ist baltischer, genauer lettischer Herkunft.

Sein Vater musste 1905 aus Lettland fliehen – die russische Revolution hatte auch auf Lettland übergegriffen und Johann Muischneek hatte sich – aus Sicht des Zaren – auf die falsche Seite, nämlich jene der aufständischen Arbeiter und Bauern gestellt. Er floh nach Deutschland und studierte dort Elektroingenieur. Auf Vermittlung seines Bruders, der bereits in der Schweiz lebte, kam der junge Ingenieur zur jungen BBC nach Baden. Aus Johanns zweiter Ehe entstammten der Sohn Woldemar und die Tochter Charlotte.

Die Familie liess sich in Baden nieder. Woldemar studierte Germanistik und Geschichte. Nach einer ersten Anstellung als Kantonsschullehrer in Wetzikon zog es ihn in seinen Wunschberuf Journalismus. Er schaffte den Einstieg auf zwei Gleisen.

Einerseits gab er zusammen mit dem Aarauer Kulturjournalisten Anton Krättli und BT-Redaktor Werner Geissberger die «Aargauer Blätter» heraus – eine Art Vorläufer für die spätere Aargauer Zeitung. Denn diese Blätter gab es nicht nur als Samstagsbeilage des BT, man konnte sie auch separat abonnieren. Was kulturinteressierte Menschen aus dem Westaargau fleissig taten. Nach dem Ende der «Aargauer Blätter» leitete und prägte Woldemar Muischneek die BT-Samstagsbeilage noch ein Vierteljahrhundert lang.

Namhafte Autorinnen und Autoren verliehen der Beilage ein einzigartiges Profil. Andererseits war da die eingangs erwähnte Tätigkeit als Inlandredaktor. 1976 zog Woldemar definitiv nach Bern und akkreditierte sich als Bundeshausjournalist. Ein Mann fest im Bundeshaus, das war damals für eine Regionalzeitung noch die Ausnahme. Woldemar Muischneek aber schuf sich in 25 Jahren den Ruf eines Doyens der Bundeshausjournalisten, mit fix reserviertem Platz auf den Pressetribünen der Parlamentssäle.

Dank seiner vertrauenswürdigen Art standen ihm in Bundesbern alle Türen offen, er kannte jede und jeden aus der Bundespolitik. Er war ein genialer Netzwerker, lange bevor es dieses Wort überhaupt gab. Als er im Sommer 2001 in Pension ging, wurde er von Nationalratspräsident Peter Hess im Ratsplenum mit warmen Worten verabschiedet. Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen.

Hess schloss mit den Worten: «Wir danken Woldemar Muischneek für den grossen Beitrag, den er mit seinen ungezählten Artikeln für das Parlament geleistet hat. » Und das Ratsprotokoll vermerkte dazu: «Beifall». Noch in einer anderen Funktion stand Woldemar Muischneek an einer wichtigen Stelle für das BT und die aargauische Pressegeschichte. 1990 wurde er Mitglied der ersten von der Verlegerfamilie unabhängigen Redaktionsleitung, hausintern «Viererbande» genannt. Mit diesem Gremium näherten sich die Führungsstrukturen des BT jenen anderer Redaktionen an.

Dieses Modell erleichterte sechs Jahre später auch den Schritt hin zur Fusion mit dem Aargauer Tagblatt zur Aargauer Zeitung. Unvergessen bleibt schliesslich eine Aktion aus dem Jahr 1991. Unter dem Titel «Gib Lettland die Hand» begab sich die BT-Redaktion unter Führung von Woldemar Muischneek auf ungewohntes Terrain. Ein Jahr nach dem Zerfall der Sowjetunion war Lettland zwar endlich frei, aber wirtschaftlich am Boden.

Die Redaktion sammelte bei ihrer Leserschaft für eine bessere Ausrüstung lettischer Spitäler und eine bessere Versorgung der notleidenden Bevölkerung innert weniger Wochen medizinische Geräte und Bargeld im Wert von 370'000 Franken. Eine Parforce-Leistung. Nach seiner Pensionierung setzte sich Woldemar Muischneek weiterhin für Lettland ein. Er initiierte, zusammen mit prominenten Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, die «Gesellschaft Schweiz-Lettland» und präsidierte diese über viele Jahre.

Er war aber auch ein Familienmensch und verfolgte mit grossem Interesse die Laufbahn seiner beiden Söhne und das Aufwachsen seiner beiden Enkel. Nun ist ein reiches Leben nach über 90 Jahren zu Ende gegangen. Wir älteren Journalistinnen und Journalisten gedenken eines Kollegen, der einen wichtigen Beitrag zur aargauischen und schweizerischen Pressegeschichte des 20. Jahrhunderts geleistet hat.

Seiner Frau Irene und der ganzen Familie entbieten wir unser herzliches Beileid. Copyright © Aargauer Zeitung. Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von Aargauer Zeitung ist nicht gestattet.

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