Warum die Medizin trotz Effizienzsteigerung nicht billiger wird

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Warum die Medizin trotz Effizienzsteigerung nicht billiger wird
Baumol-Effekt, Krankenversicherung, Gesundheitskosten

Der Baumol-Effekt erklärt, warum die Kosten im Gesundheitswesen steigen, obwohl Ärzte und Spitäler effizienter arbeiten. Während die Automatisierung in der Industrie die Preise senkt, bleiben personalintensive Dienstleistungen wie medizinische Versorgung teuer, da ihre Produktivität nicht in gleichem Maße gesteigert werden kann wie in anderen Wirtschaftsbereichen.

Ärztinnen und Spitäler werden immer effizienter – warum wird die Medizin dann nicht billiger? Eine Erklärung liefert der sogenannte Baumol-Effekt. Der Ökonom William Baumol erklärte bereits in den 1960er-Jahren dieses Phänomen als «Kostenkrankheit»..

Sie kosten nächstes Jahr also fast 20 Franken mehr pro Monat. Seit dem Jahr 1999 haben sich die Prämien der Krankenversicherung gemäss Bundesamt für Statistik mehr als verdoppelt. Die Löhne stiegen im gleichen Zeitraum nur um 34 Prozent.. Fast die Hälfte der vom BFS erfassten Produkte sind innert Jahresfrist billiger geworden.

Das ist schon lange so. Rationalisierung und Automatisierung sorgen für sinkende Kosten. Das gilt aber nicht für personenbezogene Dienstleistungen. Autos wurden in den letzten 30 Jahren 15 Prozent billiger.

Aber Service- und Reparaturarbeiten für Motorfahrzeuge haben sich in dieser Zeit um 44 Prozent verteuert. Schuhe wurden 19 Prozent billiger – aber Schuhreparaturen kosten heute 76 Prozent mehr als vor 30 Jahren. Haarpflegemittel kosten 20 Prozent weniger, Coiffeurleistungen 57 Prozent mehr. Der Coiffeur kann heute nicht schneller schneiden als im Jahr 2000.

Musikinstrumente wurden billiger, Konzerte teurer. In den letzten dreissig Jahren sind dauerhafte Waren um ein Drittel billiger geworden, Dienstleistungen hingegen sind mehr als ein Drittel teurer. Warum greifen technologischer Fortschritt, Automatisierung und Digitalisierung ausgerechnet im Gesundheitswesen nicht? Warum wird die Medizin nirgends billiger, wenn Ärztinnen und Spitäler immer effizienter werden?

Die wirtschaftstheoretische Erklärung für dieses Phänomen lieferte der amerikanische Ökonom William Baumol bereits in den 1960er-Jahren. In der Wirtschaftsliteratur wird seine These oft mit dem Beethoven-Streichquartett Nr. 14 illustriert: Es erfordert heute noch die gleiche Arbeit wie bei seiner Uraufführung vor 200 Jahren – vier Musiker, 40 Minuten Spielzeit. Die Produktivität der Geiger ist nicht höher als damals. Dennoch verdienen Orchestermusiker heute ein Vielfaches von damals.

Warum? Weil die Löhne in der hochproduktiven Industrie gestiegen sind. Um zu verhindern, dass Musiker, Pflegefachleute oder Lehrer scharenweise in die Pharmaindustrie oder die Bankbranche abwandern, mussten auch die Dienstleistungsbranchen die Löhne anheben. Da eine Ärztin oder eine Pflegerin die Behandlungszeit pro Patient aber nicht einfach halbieren kann, ohne dass dieser noch kränker wird, steigen die Kosten pro Leistung unweigerlich an.

Baumol nannte das Phänomen die «Kostenkrankheit». Wie dieser Effekt den Alltag verändert, zeigt eine Geschichte aus der Autobiografie der Krimiautorin Agatha Christie. Die Mittelschichtfamilie wohnte in einer Mietwohnung in London und beschäftigte nach der Rückkehr von Christies Gatte aus dem Ersten Weltkrieg eine Hausangestellte und ein Kindermädchen. Im Rückblick erscheine ihr das aussergewöhnlich.

«Aber damals galten sie als lebensnotwendig, und sie waren das Letzte, worauf wir jemals verzichtet hätten. Uns wäre zum Beispiel nie in den Sinn gekommen, uns die Extravaganz eines Autos zu leisten. Nur die Reichen hatten Autos. » Heute besitzt fast jede Familie ein Auto, aber nur sehr Reiche leisten sich Hausangestellte.

Maschineneffizienz machte Industrieprodukte günstig, während menschliche Zuwendung durch das allgemeine Lohnwachstum unbezahlbar wurde.. Die Ökonomen belegen für die Schweiz, dass der Baumol-Effekt ein Haupttreiber der schweizerischen Gesundheitsausgaben ist.weist zudem nach, dass die Kostenkrankheit zwar in der Langzeitpflege am stärksten zuschlägt, aber auch die Hightech-Medizin im Spital erfasst.. Obwohl der Einsatz von Robotertechnik im Operationssaal – zum Beispiel bei Knieprothesen und Nierenentfernungen – Spitalaufenthalte verkürzt, senken sich die Gesamtkosten nicht.

Teure Geräte und eine steile Zunahme von Eingriffen treiben die Ausgaben weiter an. Der Landesindex der Konsumentenpreise kann die Entwicklungen in der Medizin nicht vollständig erfassen. Gemäss BFS ist die Gesundheit seit Einführung der obligatorischen Krankenversicherung vor dreissig Jahren praktisch nicht teurer geworden. Die Preise für Medikamente sind demnach sogar um mehr als 40 Prozent gesunken.misst der Landesindex nach strengem Rezept nur den reinen Preis einer unveränderten Leistung.

Die Krankenkassenprämien decken jedoch die Gesamtausgaben. Die Explosion der Kosten liegt nicht allein am Preis, sondern vor allem an der starken Mengenausweitung. Wir gehen öfter zum Arzt, lassen rascher eine Magnetresonanztomografie machen und nutzen teure Therapien. Wenn wir von einem VW Golf auf einen Ferrari umsteigen, ist das statistisch keine Preiserhöhung, sondern Mehrkonsum an Qualität.

Im Gesundheitswesen steigen wir laufend auf den neusten «Ferrari» um – die Spitzenmedizin ist besser, aber teurer.misst das BFS die Preisentwicklung bestehender Wirkstoffe. Wenn ein neuartiges Krebsmedikament auf den Markt kommt, geniesst es Patentschutz, hat also noch keine Konkurrenz. Sein hoher Einstandspreis taucht . Erst wenn die Behörden den Preis im Laufe der Jahre senken, registriert die Statistik dies als Preissenkung.

Der Index sinkt, während die Medikamentenrechnung der Krankenkassen wächst.ist verständlich. Und natürlich gibt es im Gesundheitswesen Fehlanreize und Sparpotenziale. Doch die Baumol’sche Kostenkrankheit mahnt zu einer ehrlichen Diagnose der Ursachen. Denn letztlich ist der Baumol-Effekt ein Fundament unseres Wohlstands.

Der britische Bestsellerautor und Ökonom Tim Harford sieht darin eine Positivgeschichte, weil er das Resultat von starken Produktivitätsgewinnen in anderen Teilen der Wirtschaft ist. So gesehen handelt es sich nicht um eine «Krankheit», sondern die Beschäftigten im Gesundheitswesen oder in der Bildung profitieren von einem «Baumol-Bonus». Dass Pflegefachfrauen, Ärzte und Therapeutinnen heute gutes Geld verdienen, verdanken wir der enormen Produktivität unserer Exportindustrie, der Pharma und den Banken.

Weil Technologie unseren Reichtum schafft, können wir es uns überhaupt erst leisten, menschliche Arbeitszeit in der Pflege und der Medizin höher zu vergüten. Die Kosten steigender medizinischer Versorgung können positiv gesehen werden. Denn sie sind auch der Preis dafür, dass wir in einer reichen Gesellschaft leben, die sich menschliche Zuwendung leisten will und kann.

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