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Tourette-Syndrom: Warum Betroffene oft das Schlimmste im falschen Moment rufen

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Tourette-Syndrom: Warum Betroffene oft das Schlimmste im falschen Moment rufen
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Der Film «I Swear» zeigt, wie Menschen mit Tourette unkontrolliert Obszönitäten rufen. Neurologe Michael Orth erklärt, was im Gehirn dahintersteckt.

Der Film «I Swear» beleuchtet das Leben von John Davidson, der als Schotte mit Tourette-Syndrom für Betroffene kämpft. Neurologe Michael Orth erklärt, warum Menschen mit Tourette in unpassenden Momenten das Schlimmste rufen: Ein neurologischer Filter fehlt.

Nur rund 10 Prozent der Tourette-Patienten fluchen als Tick – die meisten Betroffenen fallen kaum auf.einsetzt. Er war kürzlich in einen Skandal verwickelt, weil er während einer Preisverleihung das N-Wort gerufen hat, als zwei Afroamerikaner die Bühne betraten. Das gehört zu etwas, was man auf Englisch NOSI nennt. Wir haben alle eine Fähigkeit, Eigenschaften anderer Menschen wahrzunehmen: die Hautfarbe, ob jemand gross, dünn, klein oder dick ist.

Manchmal kommen einem Assoziationen und man weiss genau, das ist nicht sozialverträglich und man hält sich zurück. Menschen mit NOSI haben aber offensichtlich Mühe damit, diese Impulse zu unterdrücken, und dann rutscht das raus. Was ihnen durch den Kopf geht, ist wahrscheinlich gar nicht so viel anders als bei uns, aber die Kontrolle fehlt. Das ist etwas Neurobiologisches, rein wissenschaftlich weiss man nicht genau, warum das so ist.

Man sieht auf einem MRT vom Gehirn eines Menschen mit NOSI nichts, was strukturell auffällig wäre. Es versterben auch nicht so viele Leute mit dieser Krankheit, die der Forschung die Erlaubnis geben, nach dem Tod im Gehirn nachzuschauen: Wie sieht es da aus? Es ist auch schwierig, standardisiert die Hirnfunktion zu untersuchen. Hier müsste man im Labor standardisierte Reize setzen, die NOSI triggern oder warten, bis Tics kommen und dann untersuchen, was den Tics vorangegangen ist.

Also gibt es nur begrenzt Daten und Möglichkeiten, das zu studieren. Was wir wissen, ist, dass das Nervensystem vereinfacht gesagt nach dem Prinzip Gas und Bremse funktioniert. Genau. Das Ziel ist, dass der Motor läuft: Nicht überhitzt, aber auch nicht absäuft.

Wenn es ein Problem gibt mit den Nervenzellpopulationen, die für die Bremse zuständig sind, dann kann es sich so ausdrücken, dass diese Hemmung und Kontrolle fehlt. Wir nehmen an, dass das die Grundlage für die Entstehung von Ticks und vermutlich auch von NOSI ist. Das ist ein sensomotorisches Integrationsproblem. Ein Beispiel ist die heisse Herdplatte: Wir nehmen die Hand weg, wenn wir spüren, dass sie heiss ist.

Einem Tick geht oft ein Dranggefühl voran, so wie beim Niesen. Das triggert dann einen motorischen Tick oder einen vokalen Tick . Es scheint sich der Zugang von Informationen im Gehirn auf motorische Programme zu verselbstständigen, vielleicht weil ein Filter fehlt. Menschen wie Davidson mit Ticks machen das nicht extra.

Das ist schwierig. Wenn man Zeit genug hat, geht man aus dem Raum und niest draussen. So ähnlich ist das bei Ticks. Manchmal kann man so den Tick umleiten in etwas, was nicht so auffällt.

Es gibt auch Leute, die haben gar keinen Vorlauf: Zack ist es da. Unterdrücken funktioniert nicht lange, denn irgendwann muss man ticken, so wie irgendwann der Korken aus der Champagnerflasche fliegt, wenn man sie schüttelt. Prof. Dr. med. Michael Orth arbeitet an der Uni Bern und im Spital Siloah: «Bei den meisten Menschen treten Ticks zwischen dem fünften und achten Lebensjahr auf und verschwinden wieder.

»Im Film ruft Davidson in der Anwesenheit der Königin: «F*ck the Queen». Dabei sollte sie ihm einen Orden verleihen für seine Verdienste als Tourette-Botschafter. Warum ruft er oft das Schlimmstmögliche in der komplett falschen Situation? Stellen Sie sich Menschen vor, die ein klassisches Konzert besuchen und genau wissen, man sollte jetzt eigentlich keine Geräusche machen, weil das stört.

Die Versuchung ist dann viel grösser, sich doch zu räuspern. Ähnlich ist es bei Davidson: Die Versuchung ist so gross und die Selbstkontrolle noch schwieriger. Die meisten Menschen fluchen, meist ist es einigermassen der Situation angemessen. Bei Davidson ist das ein Fluch-Tick.

Das ist jetzt sehr beschreibend. Was dem zugrunde liegt, weiss man nicht genau. Vom Fluchen als Tick kann man das NOSI abgrenzen. Tourette-Patientinnen und -Patienten mit NOSI haben ganz feine Antennen für Andersartigkeit bei ihrem Gegenüber und manchmal auch eine gewisse Schlagfertigkeit.

Ja, das könnte sein. Bei anderen würde man nicht rausfinden, was sie wirklich denken. Die Frage ist: Wollen die Menschen mit Tourette ehrlich sein, oder rutscht ihnen das unfreiwillig raus, obwohl sie eigentlich nicht anecken wollen? Geradeheraus zu sein wird nicht immer geschätzt.

Ja, aber ich kann sie immer unterdrücken. Nein, meine Gedanken und Worte habe ich immer unter Kontrolle. Nein, bei den meisten treten Ticks zwischen dem fünften und achten Lebensjahr auf. In der Zeit haben viele Kinder eine Zeit lang Ticks: Blinzeln ein bisschen, räuspern sich, rümpfen die Nase, und dann ist nach drei Monaten alles wieder weg.

Man schliesst daraus, dass das während einer Entwicklungsphase des motorischen Systems im Gehirn passiert, und wenn die Entwicklung fortschreitet, renkt sich das alles wieder ein. Eltern sollten wissen: Ihre Kinder machen das nicht, um Mama oder Papa zu ärgern. Der Film «I Swear» fokussiert aufs Fluchen als Tick, dabei machen das nur zehn Prozent der Tourette-Patienten. Stört Sie das als Forscher?

Nein, denn es geht ja um die Lebensgeschichte Davidsons, allerdings ist er mit der Intensität seiner Ticks ein Extrembeispiel einer kleinen Gruppe. Die meisten meiner Patienten und Patientinnen fluchen nicht. Diese Menschen sind wie Sie und ich. Tourette hat nichts mit Intelligenz, Psychosen oder schlechter Erziehung zu tun.

Letzteres war vor 30 Jahren ein verbreiteter Irrglaube, worunter auch Davidson im Film extrem leidet, genauso wie seine Mutter übrigens. Er wird ausgegrenzt. Das ist teilweise heute noch so. Natürlich fallen die Ticks auf, aber je weniger wir auf die Ticks achten und stattdessen den Menschen wahrnehmen, desto weniger sind sie gestresst und haben entsprechend weniger Ticks. Der Trailer zum Film «I Swear».

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