Gwangju und Busan zeigen, warum Südkorea zur neuen Welthauptstadt der Gegenwartskunst wird.
Schaut nach Südkorea! Nicht nur K-Pop ist hip. Sondern auch K-Kunst.
«Ten Thousand Dreams»: die singenden, etwas unheimlichen Schaufensterpuppen der Künstlerin Ryu Sungsil.boomt die Kultur. Was im Kino mit Bong Joon-ho oder Park Chan-wook begann, setzte sich mit den K-Pop-Phänomenen von BTS bis Blackpink fort und verbreitete sich in einer abenteuerlichen Geschwindigkeit rund um den Globus.
Selbst die Nobelpreis-Jury kam an der südkoreanischen Literatur nicht vorbei , und längst hat der Boom auch die bildende Kunst erfasst.besuchen Hunderttausende die Ausstellungen im öffentlichen MMCA, aber auch in privaten Häusern wie dem Leeum Museum of Art der Samsung-Kulturstiftung. Der Boom macht an den Stadtgrenzen Seouls aber nicht halt. Die Gwangju Biennale feiert in diesem Jahr ihre sechzehnte Ausgabe. Künstlerischer Direktor ist der singapurische Künstler Ho Tzu Nyen.
Der Titel ist einem der bekanntesten Gedichte deutscher Sprache entnommen: Rainer Maria Rilkes «Archaïscher Torso Apollos» von 1908. Dessen allerletzter Vers – vielleicht der berühmteste Imperativ der deutschen Moderne – lautet: «Du musst dein Leben ändern. » Jetzt hängt er über einer Biennale in Südkorea. Ho Tzu Nyens auffälligste kuratorische Entscheidung zielt auf die Reduktion: Nur dreiundvierzig Künstlerinnen und Künstler nehmen teil, deutlich weniger als an früheren Editionen.
Dafür begegnet man diesen in der Ausstellung immer wieder an verschiedenen Orten, einmal mit diesem Werk, einmal mit einem anderen. Die Ausstellung geht in die Tiefe, nicht in die Breite. Man passiert das Werk nicht nur, man versteht es allmählich. Die kuratorische Methodik passt genau zum Titel.
Veränderung braucht Zeit, Wiederkehr und Aufmerksamkeit. Rafik Gresiss, The Longest Sleep, 2024, Three-channel video, 4K, color, sound, 9 min. 36 sec., Courtesy of the artist. 16th Gwangju Biennale Exhibition Hall. So hat der koreanische Landschaftsmaler Rim Dong Sik über Jahrzehnte immer ähnliche Landschaften gemalt und darin langsame Verschiebungen festgehalten, die dem flüchtigen Blick leicht entgehen: Wenn man am gleichen Ort bleibt, sieht man Veränderung. Es geht also nicht um den grossen, dramatischen Auftritt, sondern um das Graduelle, Fliessende.
Die Ausstellung stellt eine Reise vom Mikro zum Makro dar, von kleinsten Gesten zu kosmischen Fragen. Zusammengehalten wird sie von der Frage nach Aufmerksamkeit im Zeitalter der Zerstreuung. Ein besonderer Höhepunkt ist der grossartige Film von Rafik Greiss, einem ägyptischen, in Paris lebenden Künstler, der sich mit Ritualen und Transformation befasst. Zu sehen sind auchder taiwanesischen Performance-Legende Tehching Hsieh.
Tehching war etwa ein Jahr lang an die Künstlerin Linda Montano angebunden, ohne sie berühren zu dürfen. Ein anderes Jahr lebte er vollständig im Freien, ohne je einen Innenraum zu betreten. Auch Matthew Barneys früheste Videoarbeit ist zu sehen, sowie Arbeiten mehrerer koreanischer Künstlerinnen. Busan ist Südkoreas zweitgrösste Stadt und der wichtigste Hafen des Landes.
Auch hier läuft gerade eine Biennale, die bis 1. November terminiert ist. Sie wird von Amal Khalaf und Evelyn Simons kuratiert, wobei meine ehemalige Kollegin Khalaf lange für die Serpentine in London tätig war und jetzt in Bangkok lebt. Von dort aus denkt sie Asien als kuratorisches Zentrum neu.
Der Titel der Biennale lautet: «Dissident Chorus». Es geht darin um Klang, Vibration und Frequenz. Nicht als ästhetisches Stilmittel, sondern als Vehikel für Kommunikation, Widerstand, vielleicht auch Heilung. Sechsundvierzig Künstlerinnen, Künstler und Kollektive aus zweiundzwanzig Ländern nehmen teil.
Auch hier erscheinen die meisten nicht an einer, sondern an mehreren Stellen. Die spannende Schau verteilt sich auf drei Orte in Busan: das Museum für Gegenwartskunst, die frühere Busan Nam Highschool, wo grossformatige Installationen untergebracht sind, und ein altes maritimes Lagerhaus namens Space OneZ. Dass ein Hafenlagerhaus zum Ausstellungsgelände gehört, ist kein Zufall. Busan ist eine Hafenstadt, geformt von Jahrhunderten der Bewegung, von Migration, Handel und Menschen, die kommen und gehen.
Das Meer ist hier nicht Hintergrund. Es ist ein Argument. Die Klänge der Ausstellung reichen vom Rauschen des Meeres bis zu Protestgesängen, von Ritualen und Rhythmen bis zu Choreografie und Performance. Musik, Tanz, Bild, alles kommt hier zusammen, in einer Komplexität, die sich nicht auf Anhieb erschliesst.
Darunter befinden sich Entdeckungen, die ich so schnell nicht vergessen werde, etwa der philippinische Künstler Joar Songcuya, der im Westen so gut wie unbekannt ist. Joar ist Autodidakt. Er hat jahrelang als Seemann gearbeitet und malte sozusagen inkognito: Die restliche Besatzung wusste nicht, dass er malt. In dieser Zeit an Bord schuf er lange, fast panoramaartige Bilder dessen, was er auf den Schiffen sah: das Meer, die Häfen, manchmal auch brennende Maschinen.
Joar ist eine echte Entdeckung. Für diese Ausstellung, in dieser Hafenstadt, wirkt die Präsenz Joar Songcuyas fast symbolisch richtig. Eine weitere Arbeit, die nachhallt, stammt von der koreanischen Künstlerin Ryu Sungsil: zwölf geisterhafte Schaufensterpuppen in Schuluniform, die auf einem Lift mitten in der Luft eingefroren sind. Drei Lieder, fünfzehn Minuten, eine Auseinandersetzung mit dem Irdischen und dem Göttlichen: Während die Figuren aufsteigen, singen sie.
Man sieht ein fünfundneunzigjähriges Skelett, Kinder, alte Menschen. Der Titel lautet treffend: «Ten Thousand Dreams».
«Ten Thousand Dreams»: die singenden, etwas unheimlichen Schaufensterpuppen der Künstlerin Ryu Sungsil. Bild: Sungsil Ryu, Ten Thousand Dreams, 2026. Beauftragt von Busan Biennale Organizing Committee, 2026. Rafik Gresiss, The Longest Sleep, 2024, Three-channel video, 4K, color, sound, 9 min. 36 sec., Courtesy of the artist. 16th Gwangju Biennale Exhibition Hall.
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