Steigende Psychische Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen alarmieren Fachwelt

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Steigende Psychische Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen alarmieren Fachwelt
Psychische Erkrankungen, Kinder, Jugendliche

Die Zahl der psychischen Störungen bei jungen Menschen hat laut Statistik stark zugenommen. Eliane Perret fordert einen stärkeren Blick auf das Lebensumfeld und die Entwicklung der Betroffenen, während Autismuscoaches vor überschätzten Diagnosen warnen. Der Wunsch nach einem bio-psychosozialen Menschenbild steht im Mittelpunkt der Debatte.

Psychische Diagnosen bei Kinder n und Jugendliche n nehmen deutlich zu. Gastautorin Eliane Perret plädiert dafür, stärker auf Lebensumfeld und Entwicklung der Betroffenen zu schauen. Das Wohl unserer heranwachsenden Generation verdient unsere ganze Aufmerksamkeit.

Das ist richtig, denn wir müssen sie ermutigen, ihr Leben aktiv zu gestalten und anstehende Aufgaben mit Zuversicht und altersgemässem Weitblick anzugehen. Zu denken gibt jedoch, dass sich die Zahl der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Unterstützung von der Invalidenversicherung erhalten, in den letzten Jahren massiv erhöht hat. Bereits Ende 2022 hatte das Bundesamt für Statistik bei Kindern und Jugendlichen einen beispiellosen Anstieg psychischer Störungen vermeldet.

Sie waren die häufigste Ursache für stationäre Spitalaufenthalte von 10- bis 24-Jährigen – häufiger als Verletzungen, Unfälle oder körperliche Krankheiten. In dieses Bild fügt sich ein, dass sich von 2015 bis 2025 die Zahl der Kinder mit einer Diagnose aus dem Autismusspektrum verdreifacht hat. Vor Kurzem kritisierte Autismuscoach Mirjam Schlesinger in einem Interview mit dieser Zeitung, die Diagnose werde zu häufig und auch dann gestellt, wenn gar keine neurologische Störung vorliege.

Das besondere Verhalten eines Kindes könne zum Beispiel auf zu viel Bildschirmzeit zurückzuführen sein. Das Interview löste Reaktionen in der Fachwelt aus. Interessant ist, dass Diskussionen zu diesem Thema stets vor dem Hintergrund eines bio-psychosozialen Menschenbildes geführt werden. Es stammt aus den USA und verbreitete sich seit der Jahrtausendwende auch in Europa immer stärker.

Probleme von Kindern und Jugendlichen werden seither vorwiegend durch Funktionsstörungen im Gehirn erklärt. Weniger gefragt wird, welche familiären und schulischen Situationen zu diesen Verhaltensweisen führen und welche psychosozialen Ursachen dabei eine Rolle spielen. Daraus wird eine Diagnose abgeleitet, und viele Kinder erhalten Medikamente, begleitet von einer Verhaltenstherapie. In den letzten Jahren hat etwa die Abgabe von Medikamenten bei Aufmerksamkeitsdefizitstörungen zugenommen, wobei die kantonalen Unterschiede beträchtlich sind.

«Unpassendes Verhalten», das sich in sehr unterschiedlichen Symptomen manifestiert, wird also medizinisch erklärt und entsprechend behandelt. Namhafte Expertinnen und Experten stellen diesen Ansatz jedoch infrage. So bezeichnete die renommierte Autismusforscherin Uta Frith in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» die Einführung der Autismusspektrumsstörung als Fehler. Sie habe zu einer fatalen Ausweitung der Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen geführt, welche die Kriterien von Autismus gar nicht erfüllten.

Professor Oskar Jenni, seit 2005 Co-Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Universitätsspital Zürich, schrieb bereits 2016 in der Ärztezeitung, dass es trotz intensiver Forschung kein ausreichend wissenschaftlich begründetes Störungsmodell für ADHS gebe und in psychiatrischen Handbüchern lediglich dessen Symptombild beschrieben werde. Eine Rolle spielen auch Influencer, die in sozialen Medien ihre Autismus- oder ADHS-Diagnose zur Schau stellen. Das kann zu Selbstdiagnosen bei Jugendlichen führen.

Die gegenwärtige Entwicklung mit dem Fokus auf das biopsychosoziale Menschenbild negiert leider aktuelle entwicklungspsychologische und anthropologische Forschungsresultate, die eine wesentlich umfassendere Sicht auf Heranwachsende nahelegen. Neue Befunde aus lange vernachlässigten Bereichen der Humanwissenschaften, insbesondere der Entwicklungspsychologie und der Anthropologie, bilden dabei den theoretischen Hintergrund. Probleme von Kindern und Jugendlichen werden im Bezugsrahmen ihrer bisherigen Lebensgeschichte erfasst. Dazu gehören das familiäre und schulische Umfeld sowie der jeweilige soziale, gesellschaftliche und kulturelle Kontext.

So konnten wissenschaftlich gut abgesicherte Erklärungen gewonnen werden, welche die heute verbreitete psychiatrische Sicht auf kindliche Probleme korrigieren. Durch den eingeengten Blick auf mögliche Probleme sind oft positive Seiten –die jedes Kind hat – aus dem Blickfeld seiner Beziehungspersonen verschwunden. Sie bieten sich jedoch als wichtige Ansatzpunkte im Umgang mit dem Kind an und wirken einem allenfalls bereits vorhandenen Gefühl entgegen, sich nur noch mit Auffälligkeiten die Aufmerksamkeit der Eltern sichern zu können.

Dieser auf pädagogischen und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen beruhende Weg ist oft Neuland für Eltern, Lehrpersonen und Kind, denn er bedeutet, sich dem Kind durch sorgfältige und wohlwollende Anleitung positiv zuzuwenden und mit altersgemässem Fördern und Fordern ernst zu nehmen. Doch kommt es nur so zu Erfolg und seine Zuversicht wächst, anstehende Aufgaben bewältigen zu können und den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein. Wirklich ADHS oder nur zu viel am Bildschirm?

Eine Aussage sorgt für KritikDie IV verzeichnet einen hohen Zugang von jungen Menschen. Sie brauchen Hilfe – aber andere als sie in der Regel erhalten. Autismus-Coach Mirjam Schlesinger sagt, was Kindern und Jugendlichen heute fehlt. Und was Eltern und Schulen ändern sollten.

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