Maria Milisavljević's neues Stück „Staubfrau“ am Schauspielhaus Zürich beleuchtet die verdammte Logik des Femizids. Eine eindringliche Geschichte, die die Zuschauer zum Nachdenken anregt.
Die verdammte Logik des Femizids – «Staubfrau» am Schauspielhaus Zürich zeigt, Gewalt hat ein Geschlecht\Der neueste Text «Staubfrau» der vielfach ausgezeichneten Drama tikerin Maria Milisavljević, uraufgeführt am Zürcher Schiffbau, ist ein Ereignis. Eine hinreissende weibliche Besetzung und der elend lyrische Text zum Thema Gewalt an Frauen machen den Besuch zur Pflicht.\Die Küche ist das Zentralbüro einer Frau.
Zumal dieser Frau (Nancy Mensah-Offei), der «Staubfrau», das Möbel thront breitbeinig und fett mitten auf der spiegelbekleideten Bühne. Die Waschmaschine steht weiter hinten. Ihre Mutter, Typ Weibchen (Anita Iselin Soubeyrand), hat sich auf der Maschine drapiert, Beine eng übereinandergelegt, sie liest Zeitung in der Haltung eines Pin-ups der 1950er-Jahre. Sexyness durch perfekte Haushaltsführung. Ein Touch Intellekt als i-Tüpfelchen. Die Schauspielerin weidet ihre Rolle nach allen Regeln der komischen Kunst aus. In der Küche putzt, schneidet, wischt und wäscht derweil die Tochter (Schlabberlook), Mutter auch sie, und schaut auf die Uhr. 24 Stunden gibt sie sich Zeit, sich zu entscheiden. Soll und darf sie ihren Mann und ihre Kinder verlassen?\Die Uhr tickt, sie erzählt ihre Geschichte. «Fang da an, wo sie angefangen hat, erzähle sie von vorne», meint ihre Grossmutter (Lola Dockhorn, eine charismatische junge Absolventin der Zürcher Hochschule der Künste). Ein Geist aus der Vergangenheit, halb Hippie, halb Nymphe, Oma will der Enkelin Feuer unterm Hintern machen. Die Grossmutter ist längst gestorben, doch in den letzten Stunden der «Staubfrau» steht sie ihr als guter Geist bei. Drei Frauen erobern sich erzählend ihre eigene Geschichte zurück, eine Tochter und ihre zwei Vormütter.\Von vorne erzählen. Doch wo beginnt die Geschichte der Gewalt an Frauen? Mit welcher Vereinbarung, Verabredung, Konvention? Die Geschichte der Jungen ist untrennbar mit jener der Älteren verbunden. Ein Körper wächst aus dem anderen, eine Erzählung speist die nächste. Blut mischt sich mit dem Blut aller, die einmal gewesen sind.\Fiktive 24 Stunden später. «Battement» flüstert die Grossmutter, sie benutzt die Sprache des Balletts. «Battement» heisst aber auch schlagen. Oder Tritt. «Battement» sagt sie und «jeté», werfen, der Tanz geht weiter. «Jeté, im wahren Pas de deux.» «Jeté» und nochmals «jeté», dann ist die Frau tot. Zu Tode getreten, zu Tode geprügelt, zu Tode geworfen, gequält von jemandem, den es nur in der Sprache gibt. Es ist der gewalttätige Ehemann. Der «Pas de deux» ihrer Beziehung endet mit einem Femizid. Sie wollte sich von ihm trennen. Doch 145 Jahre nachdem «Nora» ihr Puppenheim verliess, musste sie damit rechnen, dass der Ausbruch aus der Beziehung ihr Leben kosten würde.\Die detailgenaue und klare Regie von Anna Stiepani, die mit den Texten von Milisavljević vertraut ist, verdichtet die Vorlage zum Glücksfall: ein Stück so zwingend, dass man es zum aufklärerischen Pflichtstoff für Schulklassen erklären wollte. Gewalterfahrung hat ein Geschlecht (von links): die Mutter (Anita Iselin Soubeyrand), die Tochter und «Staubfrau» (Nancy Mensah-Offei) sowie die Grossmutter (Lola Dockhorn).\Am Punkt der grössten Tragik, wenn die «Staubfrau» zu Tode geprügelt wird, zeigt sich die grosse Qualität der vielfach ausgezeichneten deutschen Dramatikerin und ihres Auftragswerks für das Schauspielhaus Zürich: Das Tötungsdelikt wird der Sprache überantwortet. Schläge, Tritte sind nicht sichtbar, nur ihre Wirkung auf die Körper.\Überhaupt, dieses grandiose Sprachvermögen! Milisavljevićs Text ist realistisch durch grösstmögliche Poesie, und er ist heiter bei grösstmöglicher Seelenschwärze. Innere Monologe, Gedankenströme, Haltungen und Erinnerungen verklammern sich zu einer Vielschichtigkeit, die alle Zeiten und Gewalttaten mit einschliesst.\Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter, hier ist es der Krieg, den die Grossmutter erlebt hat. Oder es sind die Vergewaltigung und die Ermordung ihrer besten Freundin, der kleinen Therese; dem Dorf bekannte Kindsmörder darf danach unbehelligt weiterleben und alt werden. Es sind die Untreue und Schläge des Ehemanns, denen die Mutter der «Staubfrau» ausgesetzt war. Und es sind der Psychoterror und die verbalen Demütigungen, die die Titelfigur von ihrem Partner und Vater ihrer Kinder erfährt. «Du willst mich kaputtmachen. Das ist häusliche Gewalt. Das ist gewalttätig. Du bist mir gegenüber gewalttätig. Das ist doch, was die Emanzipation gebracht hat. Siehst du, was du mit mir machst. Wo du mich hintreibst.» Aus seiner Tat, dem Mord, macht der Täter die Tat seiner Frau.\Zum bitteren Ende des Abends rinnen wie ein grausamer Fluss per Video Namen über die gesamte Bühnenseite, Menschen, die das Schicksal der fiktiven «Staubfrau» teilten. Frauen in der Schweiz, die einem sogenannten Beziehungsdelikt zum Opfer gefallen sind, von 2024 rückwärts in die Vergangenheit gedreht. Alle zwei Wochen wird eine Frau durch ihren Ehemann, Lebensgefährten, Ex-Partner, Bruder oder Sohn getöte
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