Schweizer reisen für Psychotherapie nach Mallorca, weil die Wartezeiten in der Schweiz lang sind und die Krankenkassen Behandlungen im Ausland nicht erstatten.
Schweiz erinnen und Schweiz er reisen für psychotherapeutische Behandlungen nach Mallorca, weil sie in der Schweiz oft monatelang auf einen Therapieplatz warten müssen. Die Betroffenen zahlen die Sitzungen selbst, da die Krankenkassen keine Leistungen im Ausland vergüten. Das bestätigt das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage.
Lange Wartezeiten in der Schweiz
Snezana Blickenstorfer von der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) nennt zwei Gründe für die langen Wartezeiten: Einerseits nimmt der Bedarf zu, gleichzeitig gibt es zu wenige Therapieplätze. Wie lange Betroffene heute genau warten müssen, wird nicht erhoben. Es können aber mehrere Monate sein.
Ein möglicher Ausweg ist die Suche nach einer Therapeutin oder einem Therapeuten im Ausland. Die spanische Ferieninsel Mallorca, auf der sich viele Deutschsprachige niedergelassen haben, ist dafür ein Hotspot.
Mallorca als Therapie-Hotspot
Die auf Mallorca tätige Psychologin Vanessa Gleede behandelt hauptsächlich Residenten, aber immer wieder finden auch Touristen den Weg in ihre Praxis in Palma. Sie buchen möglichst viele Sitzungen während ihres kurzen Aufenthalts. Gleede bestätigt im Gespräch mit Nau.ch, dass auch Schweizer während ihrer Ferien zu ihr kommen. Andere verbinden in einer Workation die Ferien nicht nur mit Arbeit, sondern auch mit einer Therapie.
Die Klienten seien in einer Krisensituation oft entmutigt. Sie bekommen zwar eine Überweisung, müssen aber auf einen Platz warten. Da werden einige kreativ und schauen sich Angebote im Ausland an.
Eine Therapie im Ausland könne sogar Vorteile haben, sagt Gleede. Ferien sind oft die einzige Möglichkeit, festgefahrene Grundsätze infrage zu stellen, indem man buchstäblich Abstand zur eigenen Situation gewinnt. Im Gespräch kann man diese reflektieren und gegebenenfalls verändern, sodass sich mehr Lebenszufriedenheit einstellt. Manchmal tut es gut, von den Problemen wegzulaufen und eine Pause einzulegen. Erst dann haben viele die Kapazität, sich auf eine Therapie einzulassen und ihre eigenen Themen anzugehen.
Auch das Ferienfeeling helfe. Das Gehirn kann sich wieder auf andere Gedanken einlassen und neue Verbindungen knüpfen. Nach dem Aufenthalt wechseln nur die wenigsten den Therapieplatz. Gleede hat Klienten, die dreimal jährlich nach Mallorca fliegen und zu ihr kommen. Zudem gibt es die Möglichkeit für Video-Calls.
Mallorca-Therapie und Kosten
Auch die auf Mallorca tätige Diplom-Psychologin Anja Dein hat Klienten aus der Schweiz. Sie ist auf Traumata und alle damit verbundenen Leiden und Symptome spezialisiert. Eine Doppelstunde kostet bei ihr rund 400 Euro.
Dein sieht einen weiteren Vorteil: Wenn ich nach Mallorca fliege, geniesse ich eine hohe Anonymität. Niemand muss wissen, mit welchen Leiden ich mich beschäftige, sagt sie im Gespräch mit Nau.ch. Doch auch auf Mallorca gilt: Von heute auf morgen gibt es keinen Termin. Wer gleich mehrere Sitzungen in eine Woche packen will, muss sich frühzeitig melden.
Diplom-Psychologin Anja Dein stellt klar: Ein Therapieaufenthalt ist kein Bespassungsprogramm. Sonne und Ferienstimmung seien der Therapie zuträglich. Aus dem problematischen Umfeld von zu Hause ist man komplett raus. Gleichzeitig betont Dein: Ein Therapie-Aufenthalt auf Mallorca ist kein Bespassungsprogramm. In der Zeit hier besuchen Klienten nicht nur viele Sitzungen. Sie nutzen die Zeit auch, um die Inhalte zu integrieren und zu verarbeiten.
Stimmen und das Vertrauen da sein. Ist ein Klient zufrieden, wechselt er seinen Therapeuten nicht einfach so schnell, weiss die Diplom-Psychologin.
Kritik und politische Vorstösse
Snezana Blickenstorfer von der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen mahnt bei Therapien im Ausland grundsätzlich zur Vorsicht. Die gesetzlichen Bestimmungen sind von Land zu Land verschieden. Entsprechend ist es schwierig zu beurteilen, ob die Leute genügend qualifiziert sind. Zudem ist sie der Auffassung: Wir sollten kranke Personen grundsätzlich in der Schweiz behandeln. Die Gesundheitsversorgung müsse besser organisiert werden, um Wartezeiten zu verkürzen und Hürden abzubauen.
Blickenstorfer bestätigt, dass ein Ausbruch aus dem Alltag je nach Krankheitsbild von Vorteil sein kann. Dafür gibt es aber auch hierzulande stationäre Klinikaufenthalte. Sie warnt, dass die Wartezeiten noch länger werden könnten.
Die nationalrätliche Gesundheitskommission will, dass die Grundversicherung psychologische Psychotherapie künftig nur noch nach einer Diagnose durch einen Psychiater übernimmt. Bis anhin reicht eine Anordnung des Hausarztes. Die Befürworter argumentieren, dass dadurch alltägliche Lebensprobleme oder Krisen, die fälschlicherweise über die Grundversicherung abgerechnet würden, verhindert werden könnten. Ein psychiatrisches Erstgutachten könne so die Kosten dämpfen.
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