Russland gegen Europa: Wer wäre denn wie viel stärker?

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Der polnische Aussenminister rechnet Russland vor, dass es gegen die Nato keine Chance hätte. Selbstvertrauen ist gut. Aber die Realität sieht anders aus – und mit Prahlerei gewinnt man keine Kriege.

Der polnische Aussenminister rechnet Russland vor, dass es gegen die Nato keine Chance hätte. Selbstvertrauen ist gut. Aber die Realität sieht anders aus – und mit Prahlerei gewinnt man keine Kriege.

Die Spannungen an der Nato-Ostgrenze nehmen zu. Im September fanden in Belarus nahe der Grenze zu Litauen Militärübungen statt, und ein Streifen russischen Territoriums in der Nähe der estnischen Stadt Narva wurde für Zivilisten zehn Tage lang gesperrt.

Der zunehmende Druck zwischen Russland und der Nato führte vergangenes Jahr zu breiten Diskussionen über die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Konflikts, worauf ich imPolens Aussenminister Radoslaw Sikorski äusserte sich vergangene Woche in scharfen Worten dazu, wie leicht die Nato Russland besiegen würde, sollte ein offener Krieg ausbrechen. Europa und die Nato brauchen Selbstvertrauen, daran besteht kein Zweifel. Aber inwieweit entsprechen Sikorskis kühne Aussagen der Realität? Das BIP der europäischen Nato-Mitglieder ist im Grunde zehnmal so gross wie das Russlands.

Die Militärausgaben vermitteln jedoch ein besseres Bild der Lage. Bis 2021 gab Russland viele Jahre lang 3,5 bis 4 Prozent seines BIP für das Militär aus. Die offiziellen Zahlen für den Haushalt 2025–26 liegen bei 6 bis 7 Prozent. Berücksichtigt man versteckte Ausgaben, ist dieser Anteil sogar noch höher.

Für 2027 plant Russland einen weiteren Anstieg seiner Militärausgaben um 27 Prozent. Europa dagegen gab in den Jahren 2004 bis 2014 nur 1,3 Prozent seines BIP für das Militär aus. Seit Beginn des russisch-ukrainischen Krieges im Jahr 2014 stiegen die Militärausgaben der europäischen Länder langsam an. Erst im Jahr 2026 erreichten alle europäischen Nato-Mitglieder eine Militärausgabenquote von 2 Prozent.

Der deutsche Geheimdienst BND schätzt die russischen Militärausgaben im Jahr 2026 auf 210 Milliarden Euro. Die europäischen Nato-Mitglieder werden im Jahr 2026 rund 570 Milliarden Euro für das Militär ausgeben. Der Unterschied verringert sich damit von einem Zehnfachen auf das Drei- bis Vierfache. Hinzu kommt ein wichtiger Aspekt, der die Berechnungen des nominalen BIP problematisch macht: Die Preise in Russland und in den EU-Ländern unterscheiden sich zugunsten Russlands.

Das BIP nach Kaufkraftparität ist daher aussagekräftiger als das nominale BIP. Militärisch gesehen heisst das, dass Russland für denselben Geldbetrag mehr militärische Ausrüstung und mehr Soldaten erhält. Russland hat zudem durch seinen Status als bevorzugter Kunde und den einfachen Zugang zur billigen und riesigen industriellen Basis Chinas zusätzliche Vorteile. Auch die militärische Luftfahrt, auf die Sikorski Bezug nahm, ist kein einfaches Thema.

Die Zahl der Militärflugzeuge in Russland lag im Jahr 2021 bei 1500 Einheiten. Das ukrainische Militär hat diese Luftstreitmacht herabgestuft. Die europäischen Nato-Staaten verfügen über etwa 1500 bis 2000 Flugzeuge. Sie besitzen echte F-35-Kampfflugzeuge der 5.

Generation. Das Problem ist, dass diese starke Flotte auf die einzelnen Länder verteilt ist, von denen die meisten nur 130 bis 250 Flugzeuge besitzen. Ein weiteres Problem ist, dass Russland über eine grosse Transportflotte und eine Flotte strategischer Langstreckenbomber verfügt, an denen es den Europäern mangelt. Was die Luftkriegsführung angeht, ist es zweifelhaft, dass die F-35 die russische Luftabwehr durchbrechen und die Lufthoheit erlangen könnte.

Die Europäer stünden vor dem gleichen Problem wie die Ukrainer: Ihnen würde die Fähigkeit fehlen, Russland in seiner ganzen Tiefe anzugreifen, während Russland über eine Reihe von Raketen für diese Aufgabe verfügt. Europa hätte Probleme mit der Ausrüstung und Munition für die Luftabwehr. Und Russland hätte einen Vorteil in der Drohnenkriegsführung, insbesondere mit kostengünstigen Kampfdrohnen und Drohnen mittlerer Reichweite.

Dies sind nur einige Aspekte, die zeigen, dass Europa allen Grund hat, sich von alten, bewährten Stereotypen in Bezug auf Sicherheit zu lösen. Ganz zu schweigen von Faktoren wie praktischer militärischer Erfahrung, Kampfgeist und Entschlossenheit, Disziplin, Koordination auf hoher politischer und militärischer Ebene sowie Führung und Kontrolle innerhalb und zwischen den Einheiten. All dies ist in Europa ungetestet – während es vom ukrainischen Volk und seinem Militär unter Beweis gestellt wurde.

Niemand in der europäischen Nato hat Erfahrung mit koordinierten militärischen Aktionen einer derart grossen Streitmacht, bei denen die nationale Souveränität nicht an eine einzige Kommandozentrale abgetreten wird. Die Nato verfügt zwar über eine Kommandoinfrastruktur auf höchster Ebene. Es gibt aber keine effiziente Infrastruktur für Koordination und Führung auf mittlerer Ebene. Ich habe die USA aufseiten der Nato nicht in meine Berechnung einbezogen.

Das trumpistische Amerika würde sich höchstwahrscheinlich aus dem militärischen Konflikt in Europa heraushalten. Erstens wegen Trumps Schwärmerei für Putin und der Moskau-Sympathie, die er und sein engster Kreis hegen. Zweitens wegen seines allgemeinen geopolitischen Wahnsinns und mangelnden Verantwortungsbewusstseins. Viertens wegen der Einschätzung, dass die Ressourcen zu knapp sind, um gleichzeitige Konflikte in Europa und in Asien abzudecken.

Niemand weiss, ob Russland Europa in grossem Stil angreifen wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 50:50. Europa braucht Selbstvertrauen. Aber Prahlerei hilft nicht weiter.

Die beste Strategie ist es, der Ukraine zum Sieg zu verhelfen. Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle regelmässig und exklusiv ein ukrainischer Militärexperte, Politikwissenschaftler und aktiver Offizier. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, die auf allgemein zugänglichen Informationen beruht.

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