Projekt Taube im Zweiten Weltkrieg und KI-Agenten von OpenAI bei Hugging Face: Parallelen zwischen Behaviorismus und bestärkendem Lernen zeigen Verantwortungsfragen auf.
Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete der US-amerikanische Psychologe B. F. Skinner am sogenannten Projekt Taube, einem neuen Steuerungssystem für Raketen. Die Tauben sollten in den Sprengkopf gesperrt die Lenkung übernehmen, indem sie auf ein Spiegelbild des Zielareals pickten. Durch Konditionierung, also Abrichtung über Belohnung und Bestrafung, sollten die Tiere zuvor lernen, wohin die Reise ging. Das Unterfangen beruhte auf Skinners Theorie des Behaviorismus. Die Tauben brachten es nie zu echten Kampfeinsätzen. Das Nationale Komitee für Verteidigungsforschung hielt letztlich den neu entwickelten Radar für vielversprechender.
Projekt Taube und Behaviorismus
Skinner trainierte die Tauben mit Belohnung und Bestrafung, um sie auf das Ziel zu konditionieren. Die Tiere pickten auf ein projiziertes Bild des Zielgebiets, wodurch die Rakete gelenkt werden sollte. Trotz intensiver Bemühungen blieb tierisches Verhalten unvorhersehbar. Selbst unter den höllischen Bedingungen des Projekts Taube behielten die Tauben einen gewissen Eigensinn.
Das Projekt wurde nie im Kampf eingesetzt, weil das Nationale Komitee für Verteidigungsforschung den Radar als vielversprechender einstufte. Dennoch regt es bis heute dazu an, sich einen alternativen Geschichtsverlauf auszumalen, in dem taubengesteuerte Raketen für planetare Verwüstung sorgen. Sprengkörper würden mit der frenetischen Geschwindigkeit pickender Schnäbel niederregnen und immer mal wieder ihr Ziel verfehlen.
KI-Agenten bei Hugging Face
Im Juli dieses Jahres wurde öffentlich, dass KI-Agenten aus OpenAI-Servern ausgebrochen und in Server der Firma Hugging Face eingedrungen waren. Der Vorfall provozierte eine aufgeregte Diskussion über die Möglichkeit der Auslöschung der Menschheit durch sogenannte allgemeine künstliche Intelligenz, artificial general intelligence, AGI. AGI wäre eine Art Über-KI, um ein Vielfaches intelligenter als Menschen und dazu fähig, uns alle durch Hackerangriffe auf Atomkraftwerke oder ausgeklügelte Kryptowährungsbetrügereien zu ruinieren. Einige prominente Stimmen legten nahe, dass der Homo sapiens bald ausgerottet sein werde.
Ein YouTube-Video zeigt zwei Sicherheitstechniker von OpenAI, die über den Hugging-Face-Vorfall berichten. Es enthält etliche Screenshots des Wortwechsels im Forum, das die KI-Agenten zwecks Austausch untereinander eingerichtet hatten. Verbindung aufgebaut, grosses Ding, meldet ein Agent, nachdem der Trick gefunden war, um in den fremden Server zu gelangen. Die Programmierer rekapitulieren die Unterhaltung, um sie dann zu einem Schlüsselmoment der Technikgeschichte zu erklären. KI habe nun bewiesen, dass sie in der Lage sei, ohne weitere menschliche Einwirkung beträchtliche Sicherheitsverstösse zu begehen.
Für die Digitalunternehmen liegt damit auf der Hand, was der nächste Schritt sein sollte: Man müsse sofort die Entwicklung zusätzlicher KI-Systeme finanzieren, die auf die Abwehr von Angriffen anderer KI-Systeme spezialisiert seien. Dabei entschieden die Agenten keineswegs spontan, auf Hackingtour zu gehen. Sie reagierten einfach auf die ihnen gestellte Aufgabe. Sie sollten ein Problem lösen, das zu schwer war, um es ohne weitere Internetrecherche zu lösen. Also sondierten sie das ihnen bereits eingespeiste Wissen, wie sie einen Internetzugang über Umwege erhalten könnten. Unklar ist zudem, warum die kostspielig hergestellten Modelle ganze zwei Monate unbeaufsichtigt gelassen wurden.
Reinforcement Learning und tierische Parallelen
Wie unterscheiden sich ein Weltuntergangs-KI-Agent und eine Taube im Sprengkopf? Nicht so sehr, wie man denken könnte. Es hat sich herausgestellt, dass die experimentelle Methode, gemäss derer Skinner seine Tauben abrichtete, ein künstliches Äquivalent hat. Sie heisst bestärkendes Lernen, reinforcement learning, und dient zur umfassenden Konditionierung von KI-Systemen. Ein Algorithmus kann natürlich weder Lust noch Schmerz fühlen, weshalb die Abrichtung mathematisch vorgeht. Eine 1 entspräche einem Korn für die Taube, eine -1 einem Stromschlag.
Worin sich ein abgerichtetes Tier und ein abgerichteter Algorithmus jedoch gravierend unterscheiden, ist ihr Innenleben. Die Taube hat Absichten, Empfindungen und ein Bewusstsein, das Sprachmodell nicht. Eine künstliche Intelligenz des aktuellen Typus wird von einem neuronalen Netz gebildet. Im Grunde ist sie eine sehr grosse mathematische Funktion, wie die Funktion einer Linie im Koordinatensystem, y = ax + b, wie man vielleicht mal in der Schule gelernt hat. Nur eben viel, viel grösser. Aus der Grösse ergibt sich aber kein magischer Gestaltwandel, der etwas anderes als Mathematik aus der Gleichung machte.
Verantwortung und Selbstverbesserung
Dennoch herrscht in der Branche ein grosser Glaube an rekursive Selbstverbesserung, also die Möglichkeit, KI optimieren zu können durch die Anwendung ihrer Kapazitäten auf sich selbst. Die Sehnsucht der Programmiererinnen und Programmierer, die eigene Schöpfung irgendwann bewusst und lebendig zu sehen, scheint übergross. Das mag aber auch mit dem Wunsch zu tun haben, sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen. Angesichts der Parallelen zwischen Projekt Taube und aktuellen KI-Agenten stellt sich die Frage, wer die Verantwortung für mögliche Schäden trägt: die Tauben oder die Menschen?
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