Philipp Ruch analysiert in seinem Buch Der Rückfall, wie die NSDAP 1930 innerhalb weniger Jahre zur Massenpartei wurde. Im Gespräch mit blue News bewertet er die Instabilität der Weimarer Demokratie und zieht Parallelen zur Gegenwart, weshalb er ein Verbot der AfD fordert.
Nach seiner Ernennung zum Reichskanzler zeigt sich Adolf Hitler bei einer Kundgebung zum 1. Mai 1933. Die Aufnahme sollte seine damalige Popularität öffentlich inszenieren. Wie konnte die NSDAP 1930 in Deutschland plötzlich Millionen Wähler*innen gewinnen?
Im Buch «Der Rückfall» geht Philipp Ruch dieser Frage nach. Mit blue News spricht er über die Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik – und erklärt, warum er heute ein Verbot der AfD fordert. In seinem Buch «Der Rückfall» untersucht Philipp Ruch, wie die NSDAP 1930 praktisch über Nacht in Deutschland zur Massenpartei wurde.
Im Interview mit blue News erklärt der schweizerisch-deutsche Aktionskünstler und Autor, was damals die Demokratie ins Wanken brachte und welche Lehren er daraus für die Gegenwart zieht. Mit Blick auf die rechtsextreme AfD fordert der 45-jährige Ruch ein Parteiverbot – für ihn das «letzte repressive Machtmittel der Demokratie». Am 14.
September 1930 geschieht etwas, das die deutsche Politik erschüttert: Innerhalb von nur zwei Jahren vervielfacht die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, kurz NSDAP, ihr Wahlergebnis und wird zur zweitstärksten Kraft im Berliner Reichstag. Wie konnte eine Partei, die kurz zuvor noch am Rand stand, plötzlich Millionen Menschen für sich gewinnen?
Er rekonstruiert den Aufstieg der Nationalsozialisten zur Massenpartei – und stellt damit zugleich eine Frage, die weit über das Jahr 1930 hinausweist: Wie stabil ist eine Demokratie, wenn ihre Gegner plötzlich mehrheitsfähig werden? , in Ihrem Buch «Der Rückfall – Der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14. September 1930» arbeiten Sie mit vielen Zahlen. Was erzählen Zahlen, was politische Reden nicht erzählen können?
Beispielsweise galt die Weltwirtschaftskrise bislang als ein verlässliches Narrativ, um den Aufstieg der NSDAP zu erklären. Im Buch habe ich das einmal durchgerechnet und musste entsetzt feststellen, dass der wirtschaftliche Kollaps in Deutschland erst neun Monate nach dem Wahlsieg der Nazis erfolgte. Wir haben offenbar Ursache und Wirkung vertauscht: Erst wurden 107 NSDAP-Abgeordnete in den Reichstag gewählt, dann brach die Wirtschaft zusammen – nicht umgekehrt. Sie untersuchen, wie die NSDAP bei der Reichstagswahl 1930 stark zulegen konnte.
Hat Ihr Blick auf die Gegenwart Ihre Beschäftigung mit den Nationalsozialist*innen verändert – oder war es umgekehrt? Ja, die Gegenwart stand am Anfang. Ich wollte wissen, wie sich die NSDAP in einer Demokratie durchgesetzt hat. Ich war eigentlich darauf gefasst, einfache Antworten zu finden.
Aber der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland ist viel komplexer, aber auch viel interessanter, als wir bislang dachten. Die Weltwirtschaftskrise hat damit überhaupt nichts zu tun. Philipp Ruch ist ein schweizerisch-deutscher Aktionskünstler, Aktivist und Buchautor. Er wurde 1981 in Dresden als Sohn einer DDR-Bürgerin und eines Schweizers geboren und wuchs ab 1989 in der Schweiz auf. 2008 gründete er in Berlin das– Der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14.
September 1930» untersucht Ruch den überraschenden Aufstieg der NSDAP bei der Reichstagswahl 1930. Am interessantesten scheint mir zu sein, dass alle drei Rechtsparteien Deutsche Volkspartei , Deutschnationale Volkspartei und NSDAP ab 1928/29 rechte Hardliner zu ihren Parteivorsitzenden wählten. Aber statt mit dieser Art des Extremismus die eigenen Wählerinnen und Wähler zu binden, scheinen diese in Scharen zu den Nazis gelaufen zu sein. Das ist viel kontraintuitiver, als wir denken.
Sollten konservative Parteien sich in der unangenehmen Lage befinden, rechts von sich eine erfolgreiche rechtsextreme Partei zu haben, dann sollten sie auf keinen Fall jemanden aus ihrem rechten Flügel zum Vorsitzenden machen. Konservative Parteien gewinnen in dieser spezifischen historischen Konstellation Wahlen nur in der Mitte mit Kandidaten aus der Mitte der Partei. Es war noch mehr als erwartet. Es ist ein Schlag gegen die Demokratie.
Das sind ja keine normalen Parlamentarier bei der AfD in Sachsen-Anhalt. Das sind teils ausgewiesene Neonazis, die sich einen teuren Anzug gekauft haben. Ich bin kein Freund davon, Zustände strukturell zu verklären. Der deutsche Rechtsextremismus kann heute jederzeit aufgehalten werden durch ein Verbot der «Alternative für Deutschland».
Genauso war die NSDAP bis 1933 noch jederzeit aufhaltbar. Entscheidende staatliche Stellen wollten Hitler noch 1931 abschieben. Wir vergessen immer, dass der weder Deutscher war, noch im Herbst 1930 gewählt werden konnte. Er galt als krimineller Ausländer.1930 kam der Erfolg der NSDAP für viele überraschend – heute sehen wir den Aufstieg der AfD seit Jahren.
Sind wir deshalb vielleicht in einer gefährlicheren Situation, weil wir uns an solche Wahlerfolge bereits gewöhnt haben? Ja, ich denke, dass die aktuelle Situation in vielerlei Hinsicht katastrophaler ist. Die AfD erreicht mit ihren rechtsextremen Positionen die gesellschaftliche Mitte. Und ihre Wahlergebnisse liegen teils weit über denen, die die NSDAP jemals erreicht hat.
Unser einziger Vorteil ist, dass wir wissen, wozu der deutsche Rechtsextremismus historisch betrachtet fähig ist. Diese Menschen dürfen niemals Macht bekommen. Sie sind geistig und moralisch nicht geeignet, Macht über andere Menschen zu bekommen. Insbesondere bei der Justiz.
Der Rechtsstaat Weimars war sehr rechtslastig. Die Richter sympathisierten teilweise offen mit rechtsextremen Attentätern, Mördern oder Schlägern. Für seinen Staatsputsch wurde Hitler 1923/24 nur ein paar Monate in Haft gesteckt. Mord aus politischen Gründen wurde damals von den Gerichten strafmildernd betrachtet.
Heute wirken politische Motive eher strafverschärfend. Jede Analogie mit 1930 würde besagen, dass eine der heutigen rechtsextremen Splitterparteien die AfD irgendwann rechts überholt. Die Situation in der Weimarer Republik war folgende: Es gab ein verfassungsfeindlich-rechtsextremes Mutterschiff, die DNVP, das 1930 vom schnellen Beiboot, also einer 2,63-Prozent-Splitterpartei überholt wird. Die DNVP halbiert sich dagegen, sie implodiert regelrecht, nachdem sie den Hardliner Alfred Hugenberg 1928 zu ihrem Vorsitzenden gemacht hat.
In Deutschland haben wir aktuell dagegen nur eine erfolgreiche rechtsextreme Partei. Wir müssen Deutschland vom Ende her betrachten, wenn die Sache mit der AfD schiefgegangen ist und die Partei die demokratische Verfassung abgeschafft oder reformiert hat und dann irgendwelche unsinnigen Ziele verfolgt, beispielsweise über die Schweiz herzufallen oder die alten Ostgebiete von Polen zurückzufordern. Erst aus dieser Perspektive wird deutlich, wie schwächlich, wie feige sich unsere politischen Eliten gegenwärtig gegenüber der AfD verhalten.
Lasst doch das oberste Gericht des Landes prüfen, ob das alles verfassungsgemäss ist, was die AfD will. Wenn sich herausstellt, dass die Partei auf dem Boden der Verfassung steht, ist das doch ein wunderbares Ergebnis. Wo liegt das Problem, wenn das Bundesverfassungsgericht entgegen der allgemeinen Auffassung feststellt, diese sei eine Fata Morgana und mit dieser Partei sei alles in bester Ordnung? Gerichte sind schliesslich auch dazu da, Urteile der Öffentlichkeit zu korrigieren.
Dass Jens Spahn gerade alles daran setzt, in die Politik zurückzukehren. Er ist einer vom rechten Flügel der CDU, ein Hardliner, der seine Grossmutter verkaufen würde, solange ihm das etwas einbringt. Und er würde sicherlich mit der AfD koalieren. Was richtet es in einer Demokratie an, wenn Wähler*innen den Eindruck bekommen, Politiker*innen sagten aus taktischen Gründen nicht mehr, was sie tatsächlich denken?
Ich glaube nicht, dass Authentizität ein besonders wichtiger demokratischer Grundwert ist. Hitler war auf seine Art sehr authentisch, zumindest war er ein Meister darin, seinen Zuhörerinnen und Zuhörern das Gefühl zu geben, zu meinen, was er sagt. Der Blick hinter die Kulissen ist dann schockierend: Dem Mann war eigentlich so ziemlich alles egal. Die AfD wird in immer mehr Regionen Deutschlands stärkste politische Kraft.
Was hat die rechtsextreme Partei besser verstanden als ihre demokratischen Konkurrenten*innen? Sie hat verstanden, dass sie für ihre rechtsextremen Positionen nicht mehr geächtet, sondern gefeiert wird. Die Menschen sind begeistert, so eine Partei erleben zu können. Sie bekommen richtig leuchtende Augen.
Wenn ich es richtig sehe, geht es darum, «denen da oben» mal so richtig die Meinung zu geigen. Diese Wähler verstehen im Grunde gar nicht, dass sie schon die ganze Zeit herrschen und dass Demokratie kein Fussballspiel ist, in dem ein Verein unbedingt den anderen besiegen muss. Keine. Diese Angst steckt in ganz anderen Akten, die ich gesehen habe.
Davon habe ich im Buch gar nichts präsentiert. Der wahre Horror versteckt sich 1933/34 in den Zeitzeugnissen und Tagebüchern der jüdischen und oppositionellen Intelligenz, die aus Deutschland vertrieben wird. Das Buch rekonstruiert eine Demokratie, die unglaublich leistungsfähig und wehrhaft ist. Wir haben das ein bisschen vergessen, aber Deutschland war führend in Kunst und Kultur.
Albert Einstein hatte die Grundlagen des Universums erkannt. Und das Land war das Mekka der Luft- und Raumfahrtindustrie. Wir versuchen das heute zu verzerren und zu sagen, der Staat habe seine Bürger*innen nicht fesseln können. In Wahrheit stehen da Hunderttausende auf den Strassen, als Gustav Stresemann, Staatsmann der Weimarer Republik, 1929 stirbt.
Was macht Ihnen an der AfD am meisten Angst: ihre führenden Köpfe, ihre politischen Ziele, ihre Wähler*innen – oder die Geschwindigkeit ihrer Normalisierung? Es ist vor allem die Unempfindlichkeit der Bevölkerung dafür, ihre eigenen Metzger zu wählen. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk sagte einmal, der Nationalsozialismus sei das Experiment gewesen, ob eine Gesellschaft kollektiven Selbstmord begehen kann. Das steht uns jetzt schon wieder bevor.
Dass wir es zulassen, dass Verrückte und Fanatiker an die Macht kommen könnten, ist selbst verrückt. In dem Moment, in dem ich politischen Gegnern mit Hinrichtung drohe. Wo ich durchblicken lasse, Kunst, Kultur und alle Andersdenkenden mit den Mitteln des Staates und der Macht zu verfolgen. All das tut die AfD, aber darüber hinaus will sie auch ethnische Säuberungen in Deutschland veranstalten.
Bei vielem fühlt man sich an Slobodan Milosevic und den Genozid in Bosnien-Herzegowina in den frühen 1990er Jahren erinnert. Gibt es Momente, in denen Sie sich fragen: Sehe ich vielleicht überall die 1930er Jahre, weil ich mich beruflich so intensiv mit dieser Zeit beschäftige? Nein, im Gegenteil. Je länger ich mich damit auseinandersetze, desto mehr sehe ich nur die Weimarer Republik in den Jahren 1928 bis 1933.
Das ist auch der Grund, weshalb in meinem neuen Buch die AfD überhaupt nicht vorkommt. Es geht einfach um etwas viel Wichtigeres: Wie wurde Hitler überhaupt möglich? Diese Frage ist mit dem Buch «Der Rückfall» wieder völlig offen und ich hoffe sehr, dass sich die Forschung auf die dadurch entstandenen Fragen stürzt. Etwas, das man in der Schweiz mit seinem Konkordanzprinzip nicht gerne hört: ein Verbot der AfD.
Es ist das letzte repressive Machtmittel der Demokratie – oder besser gesagt: unserer Zivilisation, wie wir sie kennen. Dazu muss ich sagen, dass die Extremisten der AfD nichts sind, was wir von Schweizer Politikerinnen und Politikern kennen. Stellen Sie sich waschechte Neonazis in einer Regierung vor. Der Schweiz fehlt da die deutsche Erfahrung.
Das Geheimnis im Nemisee – Zerstörten Hitlers Soldaten die Luxusschiffe des römischen Kaisers Caligula? Die Schiffe aus dem Nemisee sind ein Sensationsfund. Sie zeigen Technik, die man den Römern nicht zugetraut hätte – bis hin zu echten Kugellagern. Doch 1944 erreicht der Zweite Weltkrieg den Nemisee. Und plötzlich steht alles auf dem Spiel.
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