Die Pflege in der Schweiz kämpft mit Personalmangel, steigenden Kosten und alternder Bevölkerung. Fachleute fordern attraktive Löhne und innovative Versorgungsmodelle.
Die Pflege in der Schweiz steht zunehmend unter Druck: Personalmangel, steigende Kosten und eine alternde Bevölkerung stellen das Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. In einem Chat haben Fachpersonen Fragen zur aktuellen Situation beantwortet.
Personalmangel betrifft viele Gesundheitsberufe
Der Personalmangel betrifft inzwischen viele Gesundheitsberufe, nicht nur die Pflege, erklärt Pflegeexpertin Anika Brunner. Neben genügend Ausbildungsplätzen seien attraktive Löhne und Zulagen, verlässliche Dienstplanung, flexible Teilzeitmodelle sowie gute Weiterbildungsmöglichkeiten wichtige Hebel, um den Mangel zu beheben.
Die Rekrutierung zusätzlicher Fachkräfte aus dem Ausland sei allein nicht die Lösung, ergänzt Pflegerin Christine Müller. Es seien bereits viele Pflegende mit anderem soziokulturellen Hintergrund tätig, ohne sie wäre die Pflege nicht mehr zu bewältigen. Allerdings müsse man auch überlegen, ob es fair sei, Ländern gutes Fachpersonal wegzurekrutieren.
Entlastung durch innovative Versorgungsmodelle
Der Pflegebedarf nimmt aufgrund der demografischen Entwicklung zu. Bund, Kantone und Gemeinden fördern deshalb innovative Versorgungsmodelle, damit die vorhandenen Fachkräfte optimal eingesetzt werden können, schreibt Brigitte Hofer, Leiterin Sektion Grundversorgung Gesundheitsberufe beim Bundesamt für Gesundheit.
In der Schweiz verursachen nichtübertragbare Erkrankungen rund 72 Prozent der Gesundheitskosten. Anika Brunner betont, es wäre wichtig, Prävention stärker zu gewichten und zu finanzieren. Ebenso könnten private Spitex- und spitexähnliche Organisationen das Gesundheitssystem entlasten, indem zusätzliche ambulante Kapazitäten geschaffen werden und Menschen länger zu Hause versorgt werden können.
Christine Müller ergänzt, es wäre hilfreich, sich als Gesellschaft auch mit den Ansprüchen an die gesundheitliche Versorgung auseinanderzusetzen. Wichtig sei, den Bereich der Palliative Care zu stärken und auszubauen, damit sich die Spitäler auf ihren primär kurativen oder symptomlindernden Auftrag konzentrieren können.
Umsetzung der Pflegeinitiative und Arbeitsbedingungen
Einige Betriebe haben nach der Annahme der Pflegeinitiative von sich aus gehandelt, viele nicht, schreibt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK. Deshalb sei die Umsetzung der zweiten Etappe so wichtig, sie ist derzeit im Ständerat. Unter anderem entscheidend sei hier die Personaldotation: Viele Pflegende geben an, dass sie wegen der ungenügenden Dotation überlastet sind, und Studien zeigen, dass die Qualität leidet, wenn Pflegende zu wenig Zeit für ihre Arbeit haben.
Die erste Etappe wird bereits umgesetzt: Bund und Kantone fördern die Pflegeausbildung mit rund einer Milliarde Franken, Gesundheitseinrichtungen erhalten Beiträge an die praktische Ausbildung, Studierende der Pflege erhalten Ausbildungsbeiträge, schreibt Hofer.
Trotz aller Herausforderungen: Es ist ein sehr erfüllender und sinnhafter Beruf, findet Christine Müller. Dennoch wollen weniger junge Menschen in den Beruf, hält SBK-Geschäftsführerin Yvonne Ribi fest. Wer an eine Umschulung denkt: Ein Wechsel in den Pflegeberuf ist auch beispielsweise mit 58 Jahren grundsätzlich möglich. Die bisherige Berufs- und Lebenserfahrung kann dabei sogar eine wertvolle Ressource sein, schreibt Brunner.
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