In Paris werden Hunderttausende Gläubige zum Besuch von Leo XIV. erwartet. Präsident Emmanuel Macron bleibt der grossen Messe jedoch fern.
Leo XIV. wird in Paris von Hunderttausenden Gläubigen erwartet. Doch ausgerechnet Präsident Macron bleibt der grossen Messe fern. Dahinter steckt ein angespanntes Verhältnis. Frankreich ist in Erwartung – grosser Erwartung.
Der erste Staatsbesuch eines Papstes seit 18 Jahren sorgt landesweit für spürbare Emotionen. Zumindest bei der Hälfte der Bevölkerung: Frankreich hat katholische Wurzeln, die bis auf Chlodwigs Taufe im Jahr 496 zurückgehen, und nennt sich deshalb «die älteste Tochter der Kirche». Zugleich frönt das Land der grossen Revolution weiterhin einem unverhohlenen Antiklerikalismus, der 1905 in eine strikte Trennung von Kirche und Staat gemündet hatte. Heute bezeichnet sich nicht einmal mehr die Hälfte der Franzosen als Katholiken.
Die Taufen Neugeborener bleiben rückläufig. Dieser soziologische Langzeittrend sagt viel aus über das Aufkommen von anderen Religionen wie den Evangelisten oder Muslime. Aber er sagt auch nicht alles aus. Die Zahl der Erwachsenentaufen nimmt gleichzeitig stark zu.
In den unruhigen Zeiten zeugt das von einem breiten Bedürfnis nach Spiritualität.
«Frankreich schwankt heute zwischen der Abwesenheit Gottes und dem Durst nach Gott», resümierte Kardinal François Bustillo wohl zutreffend die Lage in Frankreich vor dem Besuch des Papstes. Leo XIV. kommt am Freitag in Paris. Nach offiziellen Treffen unter anderem am Unesco-Sitz fährt mit dem Papamobil durch Paris. Auf der Seine-Insel besucht er die nach einem schweren Brand wiederaufgebaute Notre-Dame-Kathedrale.
Abends fährt der Papst ins Stade de France, wo er Jugendliche zu einer «Veillée» trifft. Die 80'000 Plätze waren binnen einer Stunde reserviert. Am Samstagmorgen besucht er das Haus Bakhita, benannt nach einer heilig gesprochenen Ex-Sklavin aus dem Sudan. Leo XIV. wollte auch den Banlieue-Vorort Bondy unweit des Stadions besuchen.
Im Herkunftsort des Fussballstars Kylian Mbappé lebt ein Drittel der Einwohner unter der Armutsgrenze. Da der geplante Besuchsort gleich neben einem Drogenumschlagplatz liegt, wurde der Termin aber abgesagt. Den Höhepunkt der viertägigen Papstreise bildet am Sonntag eine Freiluftmesse am Pariser Concorde-Platz. 600'000 Gläubige haben sich eingeschrieben. Der Andrang ist so unerwartet gross, dass auch die benachbarten Champs-Elysées für den Auflauf der Gläubigen geöffnet werden.
Am Montag wird Leo sodann den Wallfahrtsort Lourdes in Südwestfrankreich aufsuchen. Dort wird er auch sieben Missbrauchsopfer empfangen, von denen einige die benachbarte katholische Privatschule Bétharram besucht hatten. Von den landesweit 330'000 Missbrauchopfern in Frankreich sind in den letzten Jahren gut tausend finanziell entschädigt worden; viele sind verstorben. Am Dienstag will der Papst sodann in der lothringischen Stadt Metz im Nordosten Frankreichs im Beisein europäischer Spitzenpolitiker den französischen EU-Wegbereiter Robert Schumann ehren.
Indirekt erinnert er damit an die christlichen Grundlagen des geeinten Europas. Frankreich ist der passende Ort dafür: Gerade die französische, betont antiklerikale Linke hatte 2004 durchgesetzt, dass das Wörtchen «christlich» aus den europäischen Verträgen gestrichen wurde. Der als «apostolisch» bezeichnete Papstbesuch zeugt auf politischer Ebene nicht von der Absenz Gottes, sondern des Präsidenten: Emmanuel Macron wird der Hauptmesse in Paris fernbleiben.
Mit dem Laizismus lässt sich das nicht erklären: Macron selbst und etliche Vorgänger hatten päpstlichen Messen schon beigewohnt – und zwar «als Privatpersonen», wie sie betonten. Nein, Macron scheint eingeschnappt zu sein. Er wollte den Papst persönlich durch die Notre-Dame führen; er lud den Pontifex zu einem Galadîner ein und gedachte, ihm die Ehrenlegion zu verleihen. Der Vatikan lehnte diese «Vereinnahmungsversuche», wie sie die katholische Zeitung «La Croix» bezeichnet, höflich aber bestimmt ab.
Ist die schulterklopfende Vertrautheit des Franzosen, der den Vorgängerpapst Franziskus ungefragt geduzt hatte, dem Amerikaner vielleicht nicht ganz geheuer? Nein, die Erklärung geht tiefer. Indem die Kirchenspitze das politische Programm kürzte, äussert sie ihr Missfallen mit zwei wichtigen Entscheiden Macrons. 2024 hatte der Staatschef das Abtreibungsrecht in der französischen Verfassung verankert; und in diesem Sommer genehmigte das französische Parlament nach jahrelangen Debatten die Sterbehilfe. Die spürbare Kühlheit des Vatikans gegenüber Macron hat zweifellos mit diesen zwei existenziellen Fragen zu tun.
Nach aussen wird Leo XIV. aber den perfekten Gast spielen. Wie ein Vertrauter erzählte, soll der Amerikaner den ganzen Sommer über Französisch gepaukt haben.
«Leo XIV. könnte die Spaltung der Kirche überwinden, die Franziskus bewirkt hat» Als konservativer Katholik ist Martin Mosebach ein Exot im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Im Gespräch erklärt er, was er von Leo XIV. erwartet, wie die Nachlässigkeit der Kirche sexuellen Missbrauch begünstigt hat und warum der Katholizismus das Deutschsein erträglich macht. Blau-weiss-roter Rauch aus dem Vatikan?
Macron lobbyiert für einen französischen Papst – und sorgt für Riesenstreit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versucht, in Rom auf die Papstwahl Einfluss zu nehmen und den weltoffenen Kardinal von Marseille als Nachfolger von Franziskus ins Spiel zu portieren. Das konservative Meloni-Lager ist aufgebracht. Copyright © Aargauer Zeitung. Alle Rechte vorbehalten.
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