Ein gemeinsames Projekt von Dartmouth College und der Universität Freiburg zeigt, dass Octopus bimaculoides virtuelle Spiegelbilder bewusst ignorieren und mithilfe einer internen 3‑D‑Karte die reale Beute finden. In 73 % der Fälle wählten die Tiere den richtigen Weg, ein Befund, der konvergente kognitive Evolution zwischen Wirbeltieren und Kopffüßern illustriert.
Für ein innovatives Experiment des Dartmouth College in den USA und der Universität Freiburg in der Schweiz wurden drei Exemplare der Art Octopus bimaculoides in einen einzelnen Startbehälter eines Aquariums gesetzt.
In diesem Behälter konnten die Tintenfische lediglich die Reflexion einer virtuellen Krabbe sehen, die auf einer gegenüberliegenden Glaswand projiziert wurde. Der direkte Blick auf das projizierte Bild war durch die Behälterwände versperrt, sodass die Tiere nicht unmittelbar die Krabbe als Belohnung erblicken konnten. Stattdessen mussten sie den Behälter verlassen, zum Teil sogar über die Seitenwände klettern, und sich zur Rückwand bewegen, an der das reale Bild der Krabbe erschien.
Ziel war es, die Fähigkeit der Oktopusse zu prüfen, ein virtuelles Spiegelbild zu ignorieren und eine echte Beute zu suchen, die sich hinter einer physischen Barriere verbarg. Die Ergebnisse überraschten die Forschenden: In 73 Prozent aller Testdurchläufe wählten die Tiere den korrekten Weg, also die Seite der Rückwand, an der die echte Krabbe projiziert war - ein Ergebnis, das statistisch deutlich über dem Zufallswert lag. Mit zunehmender Übung wurden die Oktopusse immer schneller und zeigten ein bemerkenswertes Maß an Zielstrebigkeit.
Einige Individuen überwanden sogar die seitlichen Begrenzungen des Startbehälters, indem sie direkt über die Glaswände kletterten, um die Blockade zu umgehen. Dieses Verhalten lässt darauf schließen, dass die Tintenfische aktiv den verführerischen Reiz des Spiegelbildes unterdrücken und stattdessen eine innere, dreidimensionale Karte des Beckens nutzen, um die Position der echten Beute zu bestimmen. Der Befund ist aus evolutionsbiologischer Sicht besonders bedeutsam, weil er die konvergente Entwicklung kognitiver Fähigkeiten bei weit voneinander getrennten Tiergruppen illustriert.
Der letzte gemeinsame Vorfahre von Wirbeltieren und Kopffüßern lebte vor über 520 Millionen Jahren, und seitdem haben sich die Gehirne beider Linien völlig unabhängig voneinander weiterentwickelt. Dass Oktopusse nun dieselbe Fähigkeit zur Spiegelnutzung zeigen wie manche hochentwickelte Wirbeltiere, deutet darauf hin, dass ähnliche kognitive Lösungen für komplexe räumliche Navigationsaufgaben mehrfach in der Evolution entstanden sind. Die Studie liefert damit wertvolle Hinweise darauf, wie intelligente Verhaltensstrategien in völlig unterschiedlichen Nervensystemen entstehen können
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