Im Oktober 2025 finden in Zürichs Hotel Dolder Grand Auktionen von Luxussportautos statt, während die globale Vermögensungleichheit weiter wächst. Die Politikerinnen der G20 wollen ein neues Panel zur Messung der Ungleichheit einführen, während die Schweiz als wohlhabendes Land ebenfalls mit zunehmender Kluft zu kämpfen hat.
Das Vermögen der Reichsten wächst: Versteigerung von Luxussportautos im Hotel Dolder Grand in Zürich im Oktober 2025. Wir haben uns daran gewöhnt, extreme Ungleichheit als eine bedauerliche, aber unvermeidbare Eigenschaft moderner Volkswirtschaften zu betrachten und zugleich als notwendige Voraussetzung für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
Beides trifft nicht zu.ist die direkte Folge politischer Entscheidungen: über Steuern, Arbeitsmärkte, öffentliche Investitionen und die Regeln, nach denen unsere Volkswirtschaften funktionieren. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele dieser Entscheidungen die Verhandlungsmacht der Arbeit gegenüber dem Kapital geschwächt, Unternehmen und Superreichen ermöglicht, Steuerlücken auszunutzen, und öffentliche Investitionen ausgehöhlt. Als Vorsitzender des G20-Ausschusses für globale Ungleichheit habe ich mit Fachleuten die weltweite Ungleichheit untersucht.
Unsere Erkenntnisse zeigen eine Krise von grossem Ausmass und besorgniserregender Dynamik.vor, eines globalen Gremiums, das teilweise nach dem Vorbild des Weltklimarats gestaltet ist. Das Panel würde regelmässig Analysen zum Ausmass und zur Entwicklung von Ungleichheit, zu ihren Ursachen und Folgen sowie zu Erfolgen und Misserfolgen bei ihrer Bekämpfung vorlegen. Ein solches Wissen wäre von unschätzbarem Wert für politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, Regierungen und multilaterale Organisationen, die Ungleichheit reduzieren wollen. Einige Zahlen verdeutlichen, was geschehen ist.
Von dem seit dem Jahr 2000 neu geschaffenen Vermögen gingen 41 Prozent an das reichste Prozent der Bevölkerung. Die ärmste Hälfte der Menschheit erhielt lediglich 1 Prozent. Während am einen Ende des Spektrums einzelne Vermögen Hunderte Milliarden umfassen, müssen am anderen Ende 2,3 Milliarden Menschen, also etwa jede vierte Person, regelmässig Mahlzeiten auslassen. In einigen Ländern gibt es deutliche Hinweise auf eine Aushöhlung der Mittelschicht.
Das bedeutet, dass immer mehr Menschen, die täglich hart arbeiten, sich Medikamente oder das Heizen ihrer Wohnung nicht mehr leisten können. Die Frustration vieler Bürgerinnen und Bürger ist berechtigt, wenn ein Wirtschaftssystem, das so viel Wohlstand schafft, gleichzeitig so viele Menschen ums tägliche Auskommen kämpfen lässt. Ungleichheit beeinträchtigt nicht nur die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Sie stellt auch eine tiefgreifende und unmittelbare Bedrohung für die Demokratie dar.
Ein Milliardär kann sich eineoder einen Privatjet kaufen. Weitaus folgenreicher ist die Möglichkeit, politischen Einfluss zu gewinnen und Agenden überproportional zu prägen. Weltweit üben Konzerne und wohlhabende Eliten einen übermässigen Einfluss aus und gestalten Gesetze, Regulierungen sowie die Geld- und Fiskalpolitik zu ihren Gunsten. Ebenso wichtig ist die Frage, wie Vermögensungleichheit zur Kontrolle über jene Kanäle führt, über die wir die Welt verstehen.
Sechs Superreiche kontrollieren neun der zehn grössten Social-Media-Plattformen der Welt, während die Hälfte Der öffentliche Marktplatz des 21. Jahrhunderts gehört heute nicht mehr der Allgemeinheit, sondern einer Handvoll Männern. Das untergräbt unsere Gesellschaften und zersetzt unsere Politik. Doch extreme Ungleichheit ist kein Naturgesetz.
Sie ist das Ergebnis bewusster politischer Entscheidungen von Regierungen. Und weil diese extremen Ungleichheiten politisch geschaffen werden, können sie auch politisch wieder abgebaut werden. Der erste Schritt besteht darin, die Ungleichheitskrise mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu erfassen. Genau das würde das IPI leisten.
Das ist deshalb entscheidend, weil wir trotz der beeindruckenden Arbeit von Forschenden auf der ganzen Welt noch immer keinen Konsens darüber haben, wie sich Ungleichheit innerhalb und zwischen Ländern entwickelt, was ihre Ursachen sind und welche Folgen sie hat. Ebenso fehlt Konsens darüber, wie sich Ungleichheit entlang von Herkunft, Klasse und Geschlecht auswirkt und welche Massnahmen zu ihrer Verringerung beitragen. Das ist von Bedeutung, weil unterschiedliche politische Massnahmen sehr unterschiedliche Verteilungswirkungen haben können.
Eine Steuerreform kann die Ungleichheit in einem Bereich reduzieren und sie in einem anderen gleichzeitig erhöhen. Ein Handelsabkommen kann gesamtwirtschaftliche Gewinne schaffen und gleichzeitig die Realeinkommen von Arbeitnehmenden senken. Technologische Fortschritte können die Produktivität steigern und zugleich die ökologische Nachhaltigkeit beeinträchtigen. Regierungen müssen diese Folgen kennen, bevor sie Entscheidungen treffen, nicht erst Jahrzehnte später.
Die Schweiz gehört zu den wohlhabendsten Ländern der Welt und profitiert seit langem von einer vergleichsweise hohen sozialen Stabilität. Doch auch sie ist nicht immun gegenüber den Kräften, die Ungleichheit vorantreiben. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt inzwischen ein Drittel des gesamten Vermögens des Landes, während die untere Hälfte der Bevölkerung weniger als 4 Prozent besitzt.
Im vergangenen Jahr hat unser Ausschuss eng mit den Regierungen Brasiliens, Südafrikas, Spaniens und Norwegens zusammengearbeitet, um einen konkreten Fahrplan für das IPI zu entwickeln. Die Initiative wird von Regierungen, internationalen Organisationen und dem UNO-Generalsekretär unterstützt. Noch in diesem Monat werden die vier Gründungsregierungen im Rahmen der UNO-Generalversammlung Staats- und Regierungsvertreterinnen und -vertreter zusammenbringen, um den Vorschlag für ein IPI zu diskutieren.
Bundespräsident Guy Parmelin hat die Möglichkeit, im globalen Kampf gegen extreme Ungleichheit eine wichtige Führungsrolle zu übernehmen, indem er sich für die rasche Schaffung eines IPI einsetzt. Wir hoffen auf seine Unterstützung und auf jene der Schweiz. Joseph E. Stiglitz erhielt 2001 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften und ist Professor an der Columbia University in New York. Joseph E. Stiglitz, US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, bei einem Gespräch im Grandhotel Les Trois Rois in Basel.
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