Während eines Flugtransfers nach Italien lehnte Bundespräsident Moritz Leuenberger einen dringenden Appell der Zeitung "Blick" ab, die Rettung der Swissair öffentlich zu unterstützen, was seine Unzufriedenheit mit dem Druck auf das politische Amt verdeutlichte.
Es war auf einem Flug im Bundesratsjet nach Italien, als Moritz Leuenberger einen Anruf erhielt. Es ging um eine wichtige Frage zur Swissair. Sie gefiel dem Bundespräsidenten gar nicht.
Für Moritz Leuenberger war es eine willkommene Atempause als Bundespräsident. Im Katastrophenjahr 2001 nach 9/11, Zuger Amoklauf und mitten in den grössten Wirren um das Grounding der Swissair vom 12. Oktober flog er nach Udine in Italien. Dort sollte er die Ehrendoktorwürde erhalten von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Udine.
Mit an Bord des Bundesratsjets war auch ich, als Journalist der «Aargauer Zeitung». Der Jet befand sich bereits im Luftraum Italiens, als Leuenberger einen Anruf seines Mediensprechers erhielt.
«Der ‹Blick› möchte, dass Sie als Bundespräsident den Aufruf der Zeitung für den Erhalt einer nationalen Airline offiziell unterstützen. Sind Sie dazu bereit? » Das muss der Sprecher in etwa am Telefon gefragt haben. Der Bundespräsident reagierte grantig.
Er sehe nicht ein, weshalb er so etwas tun sollte. Als der Mediensprecher insistierte, konterte Leuenberger unwirsch, er wolle da nicht mittun. Punkt. Und beendete das Gespräch.
Sichtlich aufgewühlt drehte er sich um zu mir, der direkt hinter ihm sass.
«Herr von Matt, muss ich so etwas wirklich tun? Das muss ich doch nicht, oder? » Da ich verdattert war, schwieg ich. Schnell wurde klar: Moritz Leuenberger erwartete von mir auch gar keine Antwort.
Mit seiner - rhetorischen - Frage vergewisserte er sich bei sich selbst, dass seine Absage für ihn stimmig war. Die Presskonferenz vom 22. Oktober 2001 mit den Bundesräten Kaspar Villiger , Moritz Leuenberger, Pascal Couchepin und Rainer E. Gut, damals VR-Präsident von Nestlé. Es war der damals 91-jährige Walter Haefner, der Gründer der Amag-Gruppe, der unmittelbar nach dem Grounding 200 Millionen Franken für eine neue Fluggesellschaft in Aussicht stellte.
Der «Blick» griff die Idee auf und lancierte eine publizistische Mobilisierungsaktion. Ohne Motivationsworte des Bundespräsidenten. Dieser war am 22. Oktober involviert, als der Bundesrat den Aufbau einer neuen Airline auf Basis der Crossair beschloss.
Der Bund beteiligte sich mit 1,6 Milliarden. Später wurde daraus die Swiss. Auf dem Rückflug nach Bern konnte ich ein Interview führen mit dem Bundespräsidenten. Er war sehr nachdenklich.
«Die Swissair verströmte Pünktlichkeit, Freundlichkeit und Heimat», sagte er. «Die Swissair ist ein Unternehmen, auf das wir besonders stolz waren. » Und: «Damit geraten patriotische Gefühle ins Wanken. Genauso wie der Glaube an die Kompetenz unserer Wirtschaftsführer.
» Auf die Frage, ob er genügend gut geführt habe, meinte Leuenberger: «Organisatorisch und in der Sache weiss ich nicht, was man hätte besser machen können. »Wie sieht Leuenberger das heute?
«Die Verantwortung für das Grounding trägt mit Bestimmtheit nicht die Politik», betont er. «Es gab damals starke Kräfte aus der Wirtschaft, die auf ein Grounding hingearbeitet haben. Die UBS mit Marcel Ospel auf jeden Fall. » Hätte der Bund früher Geld geben müssen?
«Wir haben die Situation genau studiert», sagt er. «Es wäre nicht bei der einmaligen, ohnehin schon sehr grossen Summe geblieben, die Mario Corti wollte. Wir hätten danach jährlich 400 bis 500 weitere Millionen einschiessen müssen. Die Verpflichtungen wären enorm gewesen.
» Die Entfremdung zwischen Politik und Wirtschaft sei um die Jahrtausendwende «sehr gross» gewesen.
«Die UBS, die Swissair und der Flughafen Zürich waren zu keiner Zusammenarbeit willens. » Leuenberger sagt: «Es gab Zeiten, in denen die Schweizer Politik in der Geopolitik absolut unwichtig war. Die Wirtschaft regelte ihre Probleme selbst und florierte. Heute ist sie wieder auf politische Unterstützung angewiesen, Beispiel Zollhammer.
» Bundesrat Kaspar Villiger, UBS-CEO Marcel Ospel und Bundespräsident Moritz Leuenberger orientieren am 22. Oktober 2001 über ein Finanzpaket zur Rettung der Schweizer Luftfahrtindustrie. Und weshalb unterstützte er die «Blick»-Kampagne nicht?
«Ich war nicht dagegen, dass sich private Unternehmen am Aufbau einer neuen Airline beteiligen», hält er fest. «Ich wollte mich einfach nicht von einer Propaganda-Aktion des ‹Blick› einspannen lassen. Denn so macht man sich zum Objekt. » Dass er in Udine am 19.
Oktober 2001 den Ehrendoktor für seine Verdienste in der Verkehrspolitik erhielt, hat Moritz Leuenberger jedenfalls «sehr gefreut», wie er heute sagt. Der Absturz von Swissair-Flug 111 ist bekannt. Mauro Mueller interessiert sich in «111 – Echoes From Halifax» für die Menschen, die danach weiterleben müssen. Das ist ein guter Ansatz – aber kein ganz überzeugender Film.
Am 2. Oktober 2001 blieb die Flotte der Schweizer Airline am Boden. Eine Mischung aus Arroganz, falschem Kalkül und Geopolitik brach der «fliegenden Bank» das Genick. Es hätte anders kommen können.
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