Kolumnistin Gabriela Renggli über Abschiednehmen und über Gemeinschaft.

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Kolumnistin Gabriela Renggli über Abschiednehmen und über Gemeinschaft.
Kolumne, Geschichte, Familie

Kolumnistin Gabriela Renggli schreibt über Trauerfeiern, über das Abschiednehmen und über Gemeinschaft.

Kolumnistin Gabriela Renggli schreibt über Trauerfeiern, über das Abschiednehmen und über Gemeinschaft. Letztens war ich an der Beerdigung der Mutter eines guten Kollegen. Sie war über 90 Jahre alt und hatte sich gewünscht, sterben zu dürfen.

Offenbar konnte sie so gehen, wie es für sie stimmig war. Es gab eine schöne Abdankungsfeier mit einem Lebenslauf und Musik, die sie gerne gehört hatte. Wir sangen gemeinsam, standen am Grab, kondolierten und trafen uns anschliessend noch zu einem Apéro. Es wurde gelacht, geweint, angestossen und geschwiegen.

Geschichten wurden erzählt – wahre und vermutlich auch ein paar, die mit den Jahren noch etwas besser geworden sind. Ich gebe zu: Ich lese Todesanzeigen. Immer. Ich überlege mir, was das wohl für ein Leben war, lese die Zitate und frage mich manchmal, warum etwas genau so formuliert ist.

Vor allem aber fällt mir immer wieder ein Satz auf: «Die Beisetzung findet im engsten Familienkreis statt. » Natürlich kann ich das verstehen. Ein Tod ist persönlich. Manchmal braucht eine Familie Ruhe und einen geschützten Raum.

Niemand soll seine Trauer öffentlich machen müssen. Wir feiern gemeinsam Geburtstage und Hochzeiten. Wir stehen zusammen am Sportplatz, am Konzert oder am Dorffest. Wir stossen auf bestandene Prüfungen, neue Jobs und runde Geburtstage an.

Wir freuen uns über die Geburt eines Kindes. Dabei gehört auch das zum Leben. Aus meiner Sicht sogar zu unserem Zusammenleben. Beim Tod meines Vaters vor über zehn Jahren habe ich das selbst erlebt.

An seiner Beerdigung erzählten mir ehemalige Schulkollegen Geschichten über ihn, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Geschichten aus einer Zeit, in der ich noch gar nicht auf der Welt war. Für einen Moment bekam ich meinen Vater aus einer anderen Perspektive zurück: nicht nur als meinen Vater, sondern als Freund, als Schulkollegen und als jungen Mann mit einem Leben, das lange vor mir begonnen hatte.

Und dann gibt es all die Menschen, die nicht zum «engsten Familienkreis» gehören und trotzdem sehr nahe waren. Eine langjährige Freundin. Ein ehemaliger Arbeitskollege. Der Nachbar.

Menschen, die vielleicht 30 oder 40 Jahre mit dem Verstorbenen geteilt haben. Natürlich können sie allein zum Grab gehen, zu Hause ein Foto anschauen oder auf den Verstorbenen anstossen. Aber vielleicht möchten sie sich auch gemeinsam verabschieden. Mit anderen, die denselben Menschen gekannt haben.

Eine Geschichte hören, die sie noch nicht kennen. Zusammen lachen. Oder einfach merken: Ich bin mit diesem Verlust nicht allein. Sie muss nicht gross sein, nicht religiös und schon gar nicht für alle gleich.

Wer im kleinen Kreis Abschied nehmen möchte, soll das tun können. Denn eine Gesellschaft zeigt sich nicht nur darin, wie gut sie miteinander feiern kann, sondern auch darin, wie sie miteinander durch schwierige Zeiten geht. Vielleicht sollten wir den Tod deshalb wieder ein kleines bisschen mehr in unsere Mitte holen. Wenn es so weit ist, wäre es schön, wenn wir nicht nur wüssten, wie man miteinander anstösst, sondern auch, wie man miteinander Abschied nimmt.

Und vielleicht sogar einem Lachen. Das würde mir gefallen. Gabriela Renggli, Trainerin für Auftritt-Storytelling und Statuskompetenz aus Sarnen, äussert sich abwechselnd mit anderen Autorinnen und Autoren zu einem selbst gewählten Thema.310 Kilogramm Lebensmittel pro Person und Jahr? Eine Meldung über Foodwaste bringt Christian Hug zum Nachrechnen – und zur Kritik an der Präzision der Berichterstattung.

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