Chefarzt verweist auf enge Verbindung von Kernenergie und Nuklearmedizin. Bei Isotopen für Diagnostik und Therapie ist die Schweiz heute vom Ausland abhängig.
Kernenergie und Nuklearmedizin sind zwei Seiten derselben Medaille. Dieser Aspekt geht in der Debatte um ein Neubauverbot für Kernkraftwerke oft vergessen, schreibt Niklaus Schäfer, Chefarzt in Lausanne für Nuklearmedizin.
Die Debatte über die Aufhebung des Neubauverbots für Kernkraftwerke wird als energiepolitische Frage geführt. Strom, Versorgungssicherheit, Unabhängigkeit. Daneben gibt es aber eine Dimension, die kaum Beachtung findet und für viele Zehntausend Patientinnen und Patienten in der Schweiz unmittelbar relevant ist: Die Nuklearmedizin. Denn Kernkraftwerke und Krebstherapie können sich durchaus ergänzen: Sie nutzen die gleiche wissenschaftliche Grundlage.
Rund 48’000 Menschen erkranken in der Schweiz jedes Jahr neu an Krebs. Für viele von ihnen ist die Nuklearmedizin heute unverzichtbar. Mit der Radioligandentherapie wird ein Transportmolekül, das Tumorzellen gezielt erkennt, mit einem radioaktiven Isotop verbunden. Der Tumor wird präzise von innen bestrahlt, das gesunde Gewebe bleibt hierbei weitgehend verschont.
Weltweit laufen Studien, die diese Methode auf viele verschiedene Krebsindikationen ausweiten. Das Potenzial ist enorm. Was all diese Therapien brauchen, sind Radioisotope. Das sind kurzlebige radioaktive Substanzen, die in Kernreaktoren oder spezialisierten Beschleunigern hergestellt werden.
Ohne nukleare Infrastruktur keine Nuklearmedizin. Für die Schweiz werden diese medizinischen Isotope heutzutage ohne Ausnahme aus dem nahen und fernen Ausland importiert. Unser wichtigstes medizinische Isotop, Lutetium–177, hat eine Halbwertszeit von knapp sieben Tagen. Technetium-99m, das häufigste Isotop für diagnostische Zwecke weltweit, zerfällt in wenigen Stunden.
Diese Substanzen können nicht gelagert werden. Die Schweiz ist für ihre Versorgung vom Ausland abhängig, und zwar von wenigen internationalen Forschungsreaktoren, etwa in den Niederlanden, Deutschland, aber auch in den USA oder Israel. Der Import dieser wichtigen medizinischen Substanzen ist immer wieder Komplexitäten der Herstellung, des Transportes oder Importes unterworfen. Ausfälle haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass Untersuchungen oder Krebstherapien verschoben werden mussten.
Die kurzfristige Umstellung der Therapiepläne für Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen stellt auch die behandelnden Spitäler häufig vor grosse Probleme. Nicht zuletzt ist die bewiesene Wirksamkeit von Krebsmedikamenten im Allgemeinen auf Gabe in regelmässigen Abständen angewiesen. Die Technologien der Kernenergie und der Nuklearmedizin sind sich eng verwandt. Sie können voneinander lernen oder sogar direkt voneinander profitieren, da solche notwendigen medizinischen Isotope in Zukunft in unseren eigenen Kernkraftwerken produziert werden könnten.
Eine Schweiz, die kerntechnologische Kompetenz ausbaut und bewahrt, ist eine Schweiz, die in der modernen medizinischen Technologie, wie der Nuklearmedizin, führend bleiben kann. Die Aufhebung des Neubauverbots sendet ein Signal weit über den Strommarkt hinaus: Sie stärkt das Vertrauen in die Kerntechnologie als Teil unserer wissenschaftlichen Basis, schafft Anreize für Investitionen in Isotopentechnologien und hilft, Fachleute in der Schweiz zu halten und jungen, talentierten Nachwuchs für das Fach zu begeistern.
Aus diesem Grund haben wir zusammen mit weiteren Akteuren die Innovationsallianz Nuklearmedizin gegründet. Wir wollen die Nuklearmedizin gemeinsam weiterbringen. Die Lieferketten für Radioisotope müssen resilienter werden. Die Technologie muss nachhaltig gefördert und von ihrem Stigma befreit werden.
Dafür braucht es eine starke Kompetenz in der Kerntechnologie im eigenen Land. Die Schweiz hat die wissenschaftliche Tradition, die Forschungsinfrastruktur und die regulatorische Erfahrung, um hier eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Doch dieses Potenzial lässt sich nur entfalten, wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Ein Bekenntnis zur Kerntechnologie ist dafür eine wesentliche Grundlage.
Ich bin kein Energiepolitiker. Für mich als Arzt und Nuklearmediziner ist die Debatte über die Zukunft der Kerntechnologie auch eine Debatte über die Zukunft der innovativen Krebsmedizin, insbesondere der Nuklearmedizin. Eine Schweiz, die offen bleibt für kerntechnologische Forschung und Anwendung, versorgt ihre Patientinnen und Patienten nachhaltiger und stärkt zugleich ihre Stellung als fortschrittlichen Innovationsstandort. Niklaus Schäfer ist Chefarzt in der Abteilung für Nuklearmedizin und molekulare Bildgebung am CHUV Lausanne und Mitgründer der Innovationsallianz Nuklearmedizin Schweiz.
Der Weg für neue Kernkraftwerke scheint im Parlament frei. Doch kurz vor der entscheidenden Debatte gerät die Finanzierung in den Fokus – und eröffnet der Mitte einen Ausweg. Energie «Ein Affront»: Die Mitte kippt das Verbot für neue AKW in der Ständeratskommission - und verrät Leuthards Erbe Am 21. Mai 2017 brachte CVP-Bundesrätin Doris Leuthard das revidierte Energiegesetz mit 58,2 Prozent Ja-Stimmen durch.
Es verbietet neue Atomkraftwerke. Das Ja kam unter dem Eindruck der Nuklearkatastrophe von Fukushima von 2011 zustande. Copyright © St. Galler Tagblatt. Alle Rechte vorbehalten.
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