Im August sind den Bränden im griechischen Evrosgebiet 18 Migranten zum Opfer gefallen. Gleichzeitig wurden Geflüchtete Opfer rassistischer Hetzjagden, weil Rechte und die Medien sie der Brandstiftung beschuldigten. Eine Spurensuche von Woz_saz
Die Stelle, an der am 21. August achtzehn Menschen ihr Leben verloren haben, liegt nur wenige Kilometer ausserhalb des Dorfes Avantas. Eine kleine Ortschaft mit einem typisch griechischen Hauptplatz, in dessen Kafenion am Nachmittag Männer sitzen und mit Gebetsketten spielen. Das Feuer kam Avantas bedrohlich nah; das letzte Haus an der Strasse, die aus dem Dorf hinaus in die umliegenden Hügel führt, ist beschädigt, Ziegel fehlen, ein Fenster ist geborsten.
Einen Tag vor seinem Tod informiert Hamad seinen Bruder per Sprachnachricht: «Ein Fahrer hätte uns ausserhalb von Avantas abholen sollen.» Doch der Fahrer taucht nicht auf, vielleicht wegen der Feuer, vielleicht hat ihn, wie der Fluchthelfer der Gruppe gegenüber der Zeitung behauptet, die Polizei verhaftet. Kurz vor der Katastrophe erhalten Verwandte Videos und Sprachnachrichten: «Alle Wälder links von uns brennen, und die Feuer sind hinter uns.
Die nordöstliche Grenze zwischen der Türkei und Griechenland, die zum grössten Teil der Evros bildet, ist 150 Kilometer lang. Die Autobahn, die dem Fluss entlang Richtung Norden führt, zieht ihre Kurven durch ein weites Nichts: graue, vertrocknete Felder, leere Industriehallen. Mit Baumwolle beladene Lastwagen donnern über die Strasse. Der Fluss selbst ist hochgerüstetes militärisches Sperrgebiet.
Der Tod der Migranten im Feuer ist nur ein Teil der Geschichte, die sich diesen Sommer im Evrosgebiet ereignet hat. Eine Geschichte, in der grosse Krisen dieser Zeit aufeinandergeprallt sind: die Klimakatastrophe, die Gewalt an Europas Aussengrenzen, die ökonomischen Verwerfungen und der politische Rechtsrutsch.
Das Evrosgebiet gehört zu den ärmsten und gleichzeitig konservativsten Gegenden Griechenlands. Der Tourismus spielt hier kaum eine Rolle, die Wirtschaft ist schwach, schon immer waren in der ansonsten von Landwirtschaft geprägten Region das Militär und die Polizei wichtige Arbeitgeber – und gesellschaftlich tief verankert.
Laut der Hilfsorganisation Solidarity Now, die zur Zeit der Feuer in der Evrosregion im Einsatz war, herrschte während der Patrouillen eine pogromartige Stimmung, Bataillone der Nationalgarde hätten sich als Sheriffs aufgespielt, und auch weniger organisierte Bürger:innen hätten aufgepeitscht Jagd auf Migrant:innen gemacht, in der Hoffnung, sie in flagranti beim Feuerlegen zu erwischen – wofür es bis heute keinerlei Indizien gibt.
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