Am Flughafen Frankfurt transportiert ein 100 Kilometer langes Fördernetz die Koffer der Reisenden. Ein Blick ins Innere des Gepäcksystems mit Betriebsleiter Hubert Grünewald.
Am Flughafen Frankfurt bewegt ein rund 100 Kilometer langes Fördernetz die Koffer der Reisenden unter den Terminals. Bis zu 18 Kilometer pro Stunde sind die Gepäckbehälter dort unterwegs, vorbei an unzähligen Weichen und durch mehrere Ebenen. Hubert Grünewald, Aufgabenleiter Betrieb und Verfahren im Baggage Control Center, erklärt die Abläufe: Wir fahren ein gewolltes Chaos, sagt er.
So funktioniert das Frankfurter Gepäcksystem
Am Check-in erhält jeder Koffer einen Gepäckanhänger mit Barcode. Sobald das Gepäckstück im Untergrund verschwindet, wird der Barcode gelesen. Wir können erkennen, wo der Koffer hin soll, erklärt Grünewald. Hinterlegt sind unter anderem Flugnummer, Abflugzeit und Zielort. Danach wird das Gepäck automatisch seinem Weg zugeordnet.
Bei lokal in Frankfurt aufgegebenem Gepäck steht zunächst die Sicherheitskontrolle an. Der Koffer wird geröntgt. Anschließend geht es entweder direkt in Richtung Flugzeug oder zunächst in einen Frühgepäckspeicher. Dort herrscht bewusst keine Ordnung nach Flugnummern. Die Gepäckstücke werden auf mehreren Ebenen gespeichert und nicht flugspezifisch sortiert. Erst wenn der Abflug näher rückt, wird das Gepäck auf die endgültige Reise geschickt.
Das System arbeitet mit zahlreichen Weichen. Vor jeder Weiche wird der Behälter erneut erkannt. Eine Software entscheidet, in welche Richtung er fahren muss. Das Prinzip sei vergleichbar mit einer Eisenbahn: Der Zug fährt an einer Weiche in die gewünschte Richtung, nur dass hier Gepäckbehälter unterwegs sind. Für viele Strecken gibt es Umleitungsstrategien. Fällt eine Verbindung aus, kann der Koffer über einen zweiten oder dritten Weg weitertransportiert werden. Besonders schnell geht es zwischen Terminal 1 und Terminal 2. Dort erreichen die Behälter bis zu fünf Meter pro Sekunde, also rund 18 Kilometer pro Stunde.
Dimensionen und Rekordwerte
Die Dimensionen des Frankfurter Gepäcksystems sind enorm. An einem normalen Tag laufen 50.000 bis 60.000 Gepäckstücke durch die Anlage. In Ferienzeiten sind es auch knapp 100.000. Der Rekord vor der Corona-Pandemie lag laut Grünewald bei rund 120.000 Gepäckstücken an einem Tag. Frankfurt ist ein Drehkreuz. Viele Reisende steigen um, und ihre Koffer müssen innerhalb kurzer Zeit vom ankommenden zum nächsten abfliegenden Flug gelangen.
Dabei ist der Gepäckanhänger einer der kritischen Punkte. Denn Transfergepäck hat bereits einen Teil der Reise hinter sich, und Anhänger können zerknittert oder beschädigt sein. Auch die Druckqualität kleinerer Flughäfen ist laut Grünewald nicht immer optimal. Kann der Barcode nicht gelesen werden, muss das Gepäckstück manuell identifiziert werden. Dafür gibt es am Flughafen ein Baggage-Tracing. Die Mitarbeitenden versuchen anhand anderer Gepäckstücke zu rekonstruieren, wo der Koffer aufgegeben wurde und wohin er gehört. Hilfreich ist dabei ein Namensschild. Doch Grünewald hat einen wichtigen Sicherheitshinweis: Der Name sollte zwar am Gepäck stehen, aber nicht für jeden sichtbar sein. Denn wer Name und Adresse problemlos lesen kann, weiß möglicherweise auch, dass der Besitzer gerade im Urlaub ist und das Haus leer steht.
Herausforderungen und menschliche Eingriffe
Die Koffer werden in blauen Behältern durch das Gepäcksystem transportiert. Rund 20.000 dieser Wannen gibt es am Frankfurter Flughafen. Bevor ein Koffer in seinen endgültigen Container gelangt, wird sein Barcode noch einmal kontrolliert. Das ist nicht nur eine Sortierhilfe, sondern auch eine Sicherheitskontrolle. Denn grundsätzlich gilt: Ein Koffer soll mit seinem Passagier fliegen. Kommt der Reisende nicht zum Abflug, muss das Gepäck wieder ausgeladen werden. Unter bestimmten Voraussetzungen kann es nach einer erneuten Sicherheitsüberprüfung später nachgeschickt werden.
Auch das Wetter kann die Gepäckanlage vor große Herausforderungen stellen. Bei einem Gewitter dürfen die Mitarbeitenden nicht auf dem Vorfeld arbeiten. Der Betrieb wird unterbrochen. Wenn die Gewitterzelle weitergezogen ist und die Freigabe kommt, beginnt das Aufholen. Flugzeuge, die sich in der Luft gestaut haben, kommen nun teilweise gleichzeitig an. Wir müssen dann mit den reinkommenden Maschinen, die dann in der Luft waren, wie eine Welle damit umgehen, sagt Grünewald. Das Gepäcksystem muss also nicht nur Koffer sortieren. Es muss auch mit einem plötzlich veränderten Verkehrsaufkommen umgehen können.
So automatisiert die Anlage wirkt: Ohne Menschen funktioniert sie nicht. Die Mitarbeitenden im Hintergrund sorgen dafür, dass die Koffer ihren Weg finden – auch wenn das System ein gewolltes Chaos fährt.
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