Die Hilfsorganisation hatte Ermittlungen nach Berichten über Frauen eingeleitet, die Mitarbeitenden sexuelle Ausbeutung vorgeworfen haben. Dabei wurden 59 Vorwürfe dokumentiert.
Ärzte ohne Grenzen entlässt 18 Mitarbeiter wegen sexuellen Missbrauchs Die Hilfsorganisation hatte Ermittlungen nach Berichten über Frauen eingeleitet, die Mitarbeitenden sexuelle Ausbeutung vorgeworfen haben. Dabei wurden 59 Vorwürfe dokumentiert.
Minderjährige Mädchen wurden missbraucht; Essen wurde gegen sexuelle Gefälligkeiten getauscht. Personalmangel führte dazu, dass Personen mit Vorgeschichte des Fehlverhaltens angestellt wurden. Die international tätige Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat ein Muster des sexuellen Missbrauchs und der Ausbeutung unter Mitarbeitenden im Tschad an der Grenze zum Sudan festgestellt.
In einigen Fällen seien minderjährige Mädchen ins Visier genommen worden, oder es seien Lebensmittel und Jobs im Gegenzug für Sex mit Flüchtlingen angeboten worden, geht aus einem vertraulichen internen Dokument hervor, das der Nachrichtenagentur AP vorlag. Der Bericht der Hilfsorganisation enthielt 59 Vorwürfe. 18 Mitarbeitende seien entlassen worden. In einigen Fällen hätten die Vorwürfe nicht verifiziert oder die mutmasslichen Täter nicht identifiziert werden können, teilte Ärzte ohne Grenzen der AP mit.
Nach Angaben der Organisation wurden die monatelangen Ermittlungen eingeleitet, nachdem die AP berichtet hatte, dass Frauen Mitarbeitenden sexuelle Ausbeutung inSchutz. Die Erkenntnisse von Ärzte ohne Grenzen deuten darauf hin, dass der Missbrauch einen grösseren Umfang hatte als zuvor angenommen. Bei den 59 dokumentierten Vorwürfen handelte es sich um unter anderem sexuelle Belästigung und Ausbeutung sowie Missbrauch.
Die gemeldeten Fälle seien «ein schwerer Verstoss gegen die Werte und Pflichten von MSF und wir bedauern den angerichteten Schaden zutiefst», teilte Ärzte ohne Grenzen mit, die unter ihrem französischen Akronym MSF bekannt sind. Ärzte ohne Grenzen sei in Gegenden aktiv, in denen Menschen verletzlich und auf humanitäre Hilfe angewiesen seien, teilte die Organisation mit. Das schaffe ungleiche Machtverhältnisse und berge die Gefahr von Missbrauch, wogegen man etwas unternehmen müsse. Die Organisation hatte die Ermittlungen im Herbst 2024 eingeleitet.
Untersucht wurden mehrere Fälle von sexueller Ausbeutung weiblicher Flüchtlinge im Gegenzug für Essen, Wasser und Milch. Zudem habe es Fälle gegeben, in denen Sex im Gegenzug für Jobs gefordert worden sei, und Fälle von Prostitution weiblicher Flüchtlinge, darunter minderjährige Mädchen. Der Bericht verwies auf einen Abschnitt eines Flüchtlingslagers, in dem Mitarbeitende nach Mädchen gesucht haben sollen. Gemeindevorsteher hätten eine Ausgangssperre eingeführt, um junge Mädchen daran zu hindern, Mitarbeitende von MSF aufzusuchen.
Bei einem mutmasslichen Vorfall wurden sieben Flüchtlingsmädchen in einem Fahrzeug von MSF transportiert. Ihnen sei gesagt worden, sie würden zu einer Wasserverteilungsstelle und Baustellen fahren. Die Mädchen seien aber an einen anderen Ort gebracht worden, wo sie sexuellem Missbrauch ausgesetzt worden seien. Tschadischen Mitarbeiterinnen von MSF sei mit Jobverlust gedroht worden, wenn sie sich weigerten, Sex mit Vorgesetzten oder Kollegen zu haben, hiess es in dem Bericht.
Mitarbeiterinnen und Gemeindevorsteher sagten den Ermittlern dem Bericht zufolge, dass sie Bedenken gehabt hätten, den Missbrauch zu melden, aus Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder von Hilfe. Laut dem Bericht gab die Hälfte von einem Dutzend Gemeindevorstehern an, dass sie den Missbrauch nicht gemeldet hätten, obwohl ihre Töchter oder Schwestern Opfer geworden seien. Ärzte ohne Grenzen hat zehntausende Mitarbeitende in Dutzenden Ländern.
Bei diesen handelt es sich unter anderem um Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen und Hebammen, aber auch Fachleute für Logistik, Bau und Sanitäranlagen. Aus dem Bericht geht nicht hervor, welcher Berufsgruppe die Beschuldigten angehörten. In dem Bericht heisst es, der dringende Personalbedarf und fehlende Referenzprüfungen hätten dazu geführt, dass Personen angestellt worden seien, die in der Vergangenheit durch Fehlverhalten oder Missbrauch aufgefallen seien. Der Bericht enthielt mehrere Massnahmenempfehlungen: Mitarbeitenden klar kommunizieren, welches Verhalten von ihnen erwartet werde und «ernsthafte Referenzprüfungen» vornehmen.
Zudem solle eine effektive Datenbank für Personen mit Einstellungsverbot eingeführt werden. Die Organisation räumte ein, dass es bereits ähnliche Vorwürfe in der Vergangenheit gegeben habe, darunter im Zusammenhang mit einem Ebola-Ausbruch im Kongo 2021, und sich danach wenig geändert habe.




