Gianni Infantino bietet der Fifa Gespräche über Reformen an, will aber Präsident bleiben. Europas Top-Ligen fordern eine Führungsdebatte.
Gianni Infantino, Präsident des Fussball-Weltverbands Fifa, hat auf die anhaltende Kritik an seinem Führungsstil reagiert und seinen Gegnern erstmals Gespräche über mögliche Reformen angeboten. In einem Brief an die Chefs der 211 Mitgliedsverbände und die Mitglieder des Fifa -Councils kündigte der 56-jährige Schweizer eine unabhängige externe Überprüfung der Fifa -Governance sowie Konsultationen über eine Stärkung der Entscheidungsprozesse an, einschliesslich der Rolle des Präsidenten. Der Brief liegt der Deutschen Presse-Agentur vor.
Infantino machte gleichzeitig klar, dass er die Fifa weiter anführen will. Von einem Verzicht auf eine Kandidatur für eine vierte Amtszeit beim Kongress im März 2027 ist nicht die Rede. Seine Kritiker um Uefa-Präsident Aleksandar Ceferin fordern genau diesen Rückzug.
Schwere Vorwürfe der europäischen Top-Ligen
Die vier einflussreichsten Ligen Europas hatten den Weltverband und Infantino zuvor scharf attackiert und weiter unter Druck gesetzt. In einem zweiseitigen Brief, der am Vormittag veröffentlicht wurde, hiess es von der Bundesliga, La Liga, der Serie A und der Premier League, die langjährigen Grundlagen des Fussballs seien in den vergangenen Jahren durch ein grundlegendes Führungsproblem bedroht worden, da der Fifa-Präsident ausbeuterische Ideen aktiv gefördert habe, anstatt sie zu verhindern.
Die Ligabosse Marc Lenz für Deutschland, Javier Tebas für Spanien, Luigi De Siervo für Italien und Richard Masters für England unterzeichneten den Brief. Darin heisst es weiter, jetzt sei der Moment gekommen, nicht nur zu entscheiden, wer die Fifa führen werde, sondern auch, wie die Fifa geführt werden solle. Die Ligen spielten dabei eine entscheidende Rolle und wollten sicherstellen, dass die Stimme jeder Liga gehört werde. Explizit zum Rücktritt forderten sie Infantino nicht auf.
Hintergrund: Druck nach WM-Vermarktungsplänen
Infantino war nach einem Vorstoss zur Vermarktung der WM-Rechte durch externe Investoren im Sommer massiv unter Druck geraten. Auch sein Führungsstil war von Teilen der Fussball-Welt scharf kritisiert worden. Er hatte darauf reagiert und seinen Gegnern erstmals Gespräche über mögliche Reformen in der Fifa angeboten.
In dem Brief schreibt Infantino, er werde den Fifa-Rat erstens fragen, ob er eine unabhängige externe Untersuchung des derzeitigen Governance-Systems der Fifa für grosse strategische Projekte in Auftrag geben möchte. Zweitens möchte er vorschlagen, dass der Rat eine direkte, strukturierte und zeitlich begrenzte Konsultation mit Konföderationen, Mitgliedsverbänden und relevanten Interessengruppen durchführt. Dabei solle diskutiert werden, wie die Entscheidungsprozesse der Fifa weiter verbessert werden können.
Konkret bietet Infantino an, darüber zu diskutieren, wie die Fifa-Institutionen früher in grosse Projekte einbezogen werden können und welche Rolle dabei auch der Fifa-Präsident künftig haben soll. Vorschläge, die bis zur Sitzung des Fifa-Rates am 15. Oktober eingehen, können dort bereits berücksichtigt werden.
Reaktionen und nächste Schritte
Neben der Uefa und ihrem Präsidenten Aleksandar Ceferin hat sich auch der Deutsche Fussball-Bund um DFB-Chef Bernd Neuendorf, der auch im Fifa-Council sitzt, klar gegen Infantino positioniert. Eine Reaktion der Infantino-Gegner auf den Brief gab es bislang nicht.
Infantino betonte in dem Schreiben, er bleibe voll und ganz dazu verpflichtet, die Fifa zu führen, und sei zuversichtlich, was gemeinsam erreicht werden könne. Die Verantwortung sei grösser als jeder einzelne Vorschlag oder jede Meinungsverschiedenheit. Sie bestehe darin, die Unabhängigkeit der Fifa zu schützen, ihre Institutionen zu stärken und sicherzustellen, dass der Fortschritt des Fussballs dem gesamten Fussball zugutekomme, überall auf der Welt.
Seinen Gegnern reichte Infantino durch das Schreiben symbolisch die Hand. Die Behandlung eines Verbands werde nicht von seiner Position zu einem Vorschlag oder einer institutionellen Angelegenheit abhängen. Er stehe weiterhin jedem zur Verfügung. Jeder Mitgliedsverband habe das Recht, gehört zu werden. Einigkeit sei keine Voraussetzung für Dialog, und Meinungsverschiedenheiten sollten niemals den gegenseitigen Respekt verhindern, schrieb der Schweizer.
Die europäische Fussball-Union Uefa und der nordamerikanische Dachverband Concacaf haben im Machtkampf gegen den Weltverband Fifa und dessen Präsidenten Gianni Infantino einen weiteren Schritt vollzogen.
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