Der rasante Aufstieg Chinas in der Biotech- und der Pharmaindustrie sowie der Druck aus den USA zu höheren Medikamentenpreisen erfordern ein gemeinsames europäisches Vorgehen. Die globale Life-Science-Landschaft erlebt derzeit eine fundamentale Verschiebung. Während Europa lange Zeit neben den USA als das unangefochtene Kraftzentrum der pharmazeutischen Forschung galt, hat China in einem atemberaubenden Tempo die Bühne betreten. Gemäss Spezialdaten ist der Anteil chinesischer Wirkstoffe an globalen Lizenzeinnahmen von weniger als 5% auf über die Hälfte gestiegen, und führende Konzerne wie Roche und Novartis investieren stark in chinesische Technologien.
Europa muss bei Pharma über einige seiner Schatten springen Der rasante Aufstieg China s in der Biotech - und der Pharma industrie sowie der Druck aus den USA zu höheren Medikamentenpreisen erfordern ein gemeinsames europäisches Vorgehen.
Die globale Life-Science-Landschaft erlebt derzeit eine fundamentale Verschiebung ihrer tektonischen Platten. Während Europa lange Zeit neben den USA als das unangefochtene Kraftzentrum der pharmazeutischen Forschung galt, hat China in einem atemberaubenden Tempo die Bühne betreten. Noch vor wenigen Jahren sind chinesische Akteure vorrangig als günstige Lohnfertiger aufgefallen, inzwischen ist China zu einer führenden Innovationsmacht in der Wirkstoffentwicklung geworden.
Gemäss dem spezialisierten Datenanbieter Evaluate entfielen vor gerade einmal fünf Jahren weniger als 5% des weltweiten Erlöses aus Lizenzdeals – Verträgen zu Rechten an pharmazeutischen Molekülen – auf chinesische Wirkstoffe und Technologien. Vergangenes Jahr ist dieser Wert bereits auf etwa die Hälfte des globalen Volumens gestiegen, und im laufenden Jahr sind chinesische Assets auf dem besten Weg, mehr als zwei Drittel des wertmässigen Volumens globaler Lizenzvereinbarungen auf sich zu vereinen. Führende globale Pharmakonzerne, darunter Roche und Novartis, greifen beherzt zu.
So hat Roche nur schon im laufenden September zuerst den Kauf eines Antikörpers eines Unternehmens namens Simcere Zaiming für vorab 75 Mio. $ bekannt gegeben . Kurz darauf folgte die Erfolgsmeldung zu einem Antikörperkonjugat in Lungenkrebs, das Partner MediLink in China in einer Phase-III-Studie getestet hat.
«Dank den Deals mit Roche, Novartis und vielen anderen lernen die Chinesen und erhalten die für den Markteintritt nötigen Mittel. » Novartis hat am Dienstag einen Deal mit BoomRay für eine Radioligandentherapie mit einem potenziellen Gesamtvolumen von 900 Mio. $ bekannt gegeben. Ein Jahr zuvor hat der Basler Konzern eine bereits bestehende Kooperation mit Argo Biopharma ausgeweitet und für 160 Mio.
$ vorab Rechte an mehreren siRNA-Molekülen zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erworben . Solche Deals erscheinen als Gewinn für beide Seiten. Auch wenn die durchschnittlichen Preise für chinesische Wirkstoffe steigen, können sich die westlichen Pharmakonzerne relativ günstig mit Produktkandidaten eindecken.
Die chinesischen Entwickler erhalten mit fortschreitendem Entwicklungserfolg Meilensteinzahlungen und später eine Umsatzbeteiligung. Doch man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Die chinesischen Pharmaunternehmen werden ihre Medikamente schon in wenigen Jahren selbst für westliche Märkte entwickeln und vertreiben. Dank den Deals mit Roche, Novartis und vielen anderen lernen sie und erhalten die für den Markteintritt nötigen Mittel. Der Erfolg der Chinesen beruht zu einem grossen Teil auf paralleler Entwicklung von Molekülen, schlanken Verfahren und rascher Umsetzung von Entwicklungsvorhaben.
Wenn Europa mit seiner bis anhin starken Pharmaindustrie nicht in einen ähnlichen Hammer laufen will wie einst mit der Solarindustrie und derzeit mit der Autoindustrie, dann müssen sich die hiesigen Unternehmen und Regierungen dringend bewegen, am besten in den Bereichen, in denen ihnen China enteilt. Bisher pflegt jedes Land sein eigenes Gesundheitsgärtchen. Mit jedem Land muss separat über Preis und teilweise den Anwendungsbereich eines Medikaments verhandelt werden. Das muss nun ein Ende nehmen.
Ein gemeinsames Vorgehen bei der Preisgestaltung ist ein grosser Schatten, den es zu überspringen gilt. Doch das wäre auch angesichts des Drucks aus den USA angezeigt. Das sogenannte Most Favorite Nation Pricing soll dafür sorgen, dass die Amerikaner für Medikamente nicht mehr ein Mehrfaches der Preise in vergleichbaren Ländern zahlen.
«Wenn eine gemeinsame Preissetzungspolitik politisch nicht umsetzbar ist, dann gibt es genügend tiefer hängende Früchte. » Durch die Einführung von Referenzpreisen, die auf die Preise in acht Ländern abstellen, darunter der Schweiz, übt Washington Druck zur Senkung der US-Preise und zur Erhöhung der Preise ausserhalb der USA aus. In Verträgen haben die grössten Pharmaunternehmen zugesichert, Medikamente in den USA künftig kaufkraftbereinigt nicht teurer als in den Vergleichsländern zu lancieren.
Sie müssen in den Referenzländern nun höhere Preise durchsetzen als bisher üblich, um noch einen angemessenen Preis im US-Markt zu erzielen. Dieser macht rund die Hälfte des Weltmarktes aus. Gelingt ihnen das nicht, ist damit zu rechnen, dass Pharmaunternehmen künftig in den Referenzländern neue Medikamente nur verzögert oder gar nicht lancieren. Gelänge es den Europäern, einen einheitlichen Preismechanismus zu etablieren, könnten sie den Verlust des Zugangs zu innovativen Medikamenten abwenden und mit geballter Marktmacht gegenüber der Pharmaindustrie in Preisverhandlungen treten.
Der Mechanismus könnte sich wie das US-Referenzpreissystem an der Kaufkraft orientieren. Das ist informell ohnehin schon üblich, mit Deutschland als Preisanker. Bereits zugelassene Medikamente wären nicht betroffen. Wenn eine gemeinsame Preissetzungspolitik politisch nicht umsetzbar ist, dann gibt es genügend tiefer hängende Früchte, die es zu ernten gilt, um Europas Wettbewerbsposition zu verbessern.
Zentral wären einfachere Regeln für Datenaustausch und -zugang sowie einfachere und raschere Verfahren für die Durchführung von Medikamentenstudien. Gemäss einer Auswertung des europäischen Pharmaverbands EFPIA auf Basis von Daten des Anbieters IQVIA ist der Anteil Europas an allen weltweiten klinischen Studien von 2013 bis 2023 von 22 auf 12% gefallen. Der Anteil Chinas ist demnach stark gestiegen und hat 2023 15% erreicht.
Die Durchführung von Studien ist nicht nur für viele Patienten mit Krebs und seltenen Krankheiten die letzte Chance auf eine wirksame Therapie, sondern es ist auch ein wichtiges Kriterium, ob die spätere Einreichung eines Zulassungsantrags in einem Land für ein Pharmaunternehmen Priorität hat. Hier könnte Europa und gerade auch die Schweiz das Prozedere vereinheitlichen, vereinfachen und beschleunigen. Es gibt diverse weitere Schrauben, an denen man drehen könnte.
Eine zentrale ist im Kapitalmarkt respektive in der Übertragung der nach wie vor hervorragenden Grundlagenforschung in kommerzielle Applikationen. Man könnte Pensionskassen Engagements in Wagniskapital erleichtern, öffentliche Fördergelder könnten gezielter eingesetzt werden, um privates Kapital in europäische Start-ups zu lenken. Viele Jungunternehmen wandern heute in die USA ab, wo sie leichter Kapital beschaffen können. Das muss nicht sein.
Einige dieser Themen werden seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten zerredet. Es ist nun an der Zeit, dass Europa über einige seiner Schatten springt.
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