Ebola: «Wenn wir diesen Ausbruch nicht stoppen, wird er der schlimmste von allen sein»

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Ebola: «Wenn wir diesen Ausbruch nicht stoppen, wird er der schlimmste von allen sein»
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Jean Kaseya, Chef von Africa CDC, erklärt, warum Ebola im Kongo ausser Kontrolle geriet.

«Wenn wir Ebola nicht stoppen, wird es der schlimmste Ausbruch von allen sein» Jean Kaseya erklärt, warum Ebola ausser Kontrolle geriet, welchen Anteil Trump daran hat und wie der Tod eines Kindes seinen Weg prägte.

Jean Kaseya ist Kongolese, arbeitet in Äthiopien und schaltet sich zum Videogespräch aus einem Hotelzimmer in Namibia zu. Er ist viel unterwegs in Afrika, das gehört zu seiner Arbeit als Vorsitzender von Africa CDC, der obersten Gesundheitsbehörde der Afrikanischen Union. Doch was seit demlos ist – mit fast 3500 Toten und mehr als 7000 bestätigten Fällen schon jetzt der grösste in der Geschichte der Demokratischen Republik Kongo –, das gehe über den normalen Stress hinaus.

«Seit drei Jahren mache ich diesen Job nun», sagt er, «es fühlt sich an wie zwanzig. » Herr Kaseya, der Ebolaausbruch wurde vor vier Monaten zum internationalen Gesundheitsnotstand erklärt. Doch er breitet sich schneller aus als je einer zuvor. Wie kann das sein?

Wir haben von Anfang an gesagt, dass diese Ebolakrise beispiellos ist. Vor allem wegen der Sicherheitslage. In den betroffenen Regionen Ituri und Nord-Kivu sind diverse Rebellengruppen aktiv, rund eine Million Menschen leben in Lagern für Binnenvertriebene. Dazu kommt, so ehrlich müssen wir sein, dass unsere Reaktion auf den Ausbruch die Bevölkerung am Anfang nicht wirklich erreicht hat.

Das Motto war: «Wir wissen schon, was zu tun ist. » Es gab ja schon 16 Ebolaausbrüche im Kongo. Doch dabei haben wir einen entscheidenden Punkt übersehen: die Menschen in den Dörfern einzubeziehen. Das tun wir inzwischen.

Etwa 7000 Fälle sind derzeit bestätigt, aber das ganze Ausmass des Ausbruchs kennen wir nicht. Doch es gibt Menschen, die wissen genau, wer seit Januar erkrankt ist, wer verstorben ist und wer Kontakt zu Infizierten hatte: in den Dörfern. Hätte man sie von Anfang gefragt und in den Kampf gegen Ebola einbezogen, dann wären wir heute deutlich weiter. Auch über die Sicherheitslage wissen die Menschen in den Dörfern am besten Bescheid – und sie haben Möglichkeiten, die Gewalt einzudämmen.

All das haben wir anfangs versäumt. Auch. Es kommt immer wieder vor, dass humanitäre Helfer von bewaffneten Gruppen angegriffen werden. Aber auch aus den Dörfern droht ihnen Gewalt, es gibt viel Misstrauen.

Die Bilder von brennenden Zelten der Hilfsorganisationen gingen im Mai um die Welt. Woher kommt dieses Misstrauen? Die Menschen in den Flüchtlingslagern leiden seit Jahren an Cholera und Masern, es fehlt ihnen an Wasser, an Nahrung, an sanitären Einrichtungen. Das hat nie jemanden gekümmert.

Und jetzt plötzlich kommt Hilfe wegen Ebola? Das macht viele stutzig. In den Dörfern sehen die Menschen die grossen Autos der Hilfsorganisationen anrücken und fragen sich: Kommen die wirklich unseretwegen? Oder wollen die vor allem Geld verdienen?

Indem wir den Menschen zuhören und sie einbinden, bauen wir Vertrauen wieder auf. Aber es gibt noch Probleme, das Geld zum Beispiel. Die Menschen hören täglich in den Medien, dass Hunderte Millionen Dollar für den Kampf gegen Ebola bereitstünden. Doch bei ihnen kommt davon nichts an.

Als Africa CDC koordinieren wir die Verteilung der Hilfen an die Partnerorganisationen vor Ort. Darüber haben wir einen Überblick. Doch was danach mit dem Geld passiert, wie viel in den Dörfern ankommt, da fehlt es tatsächlich an Transparenz. Das müssen wir ändern.

Viele fürchten, dass der aktuelle Ausbruch schlimmer wird als jener in Westafrika von 2014 bis 2016, bei dem 11'000 Menschen starben. Fürchten Sie das auch? Wir haben immer gesagt: Wenn wir diesen Ausbruch nicht stoppen, wird er der schlimmste von allen sein. Woche für Woche habe ich bei meinen Pressekonferenzen die aktuellen Daten mit denen früherer Ausbrüche verglichen, auch mit jenem in Westafrika.

Die Fallzahlen lagen acht- bis neunmal höher als damals, die Zahl der bestätigten Todesfälle sechs- bis siebenmal höher. Aber niemand hat uns geglaubt. Wir sind froh, dass das inzwischen anders ist. Es gibt Experten, die zeigen auf US-Präsident Donald Trump.

Seine massiven Kürzungen bei der Entwicklungshilfe hätten das Ebolafrühwarnsystem im Kongo praktisch lahmgelegt. Und so massgeblich dazu beigetragen, dass der Ausbruch erst im Mai entdeckt wurde, obwohl er wohl im Februar begonnen hatte. Als ich in Ituri war, berichteten mir die Leute, dass sie beim Auftreten der ersten Symptome durchaus an Ebola gedacht hätten.

Doch die Testkartuschen, die ihnen zur Verfügung standen, waren nur für den Zaire-Stamm des Ebolavirus ausgelegt, nicht für den seltenen Bundibugyo-Stamm, mit dem wir es zu tun haben. Warum? Weil 14 von 16 Ausbrüchen zuvor auf den Zaire-Stamm zurückzuführen waren. Es gab also Ebolatests – aber nicht die richtigen.

Die US-Regierung trägt also keine besondere Verantwortung an diesem Mangel? Die Verantwortung tragen zunächst einmal die Regierungen in Afrika. Sie waren es, die lange Zeit nicht in ihre Gesundheitssysteme investierten, sondern sich auf die Finanzierung durch externe Partner verliessen. Aber natürlich tragen auch die USA Verantwortung – ebenso wie viele andere Staaten, auch in Europa, die Mittel für Afrika gekürzt haben.

Wobei die Kürzungen gar nicht das Hauptproblem waren. Dass diese Länder uns nicht einmal vorwarnten. Hätte man uns rechtzeitig informiert, dann hätten wir noch reagieren können. Ich weiss nicht, worauf er sich bei dieser Aussage stützt.

Schauen Sie sich die Kliniken an, die von einem Tag auf den anderen schliessen mussten. Schauen Sie sich die Patienten an, die ihre HIV-Behandlung nicht fortsetzen können. Schauen Sie sich die Babys an, für die es keine Malariamedikamente mehr gibt. Alle Länder in Afrika sind von den Kürzungen betroffen.

Der Kongo gilt als Paradebeispiel für den sogenannten Ressourcenfluch: Das Land hat riesige Vorkommen an Gold, Coltan und Kobalt, doch statt Wohlstand gibt es im Osten ständig Konflikte und kaum Geld für Bildung oder Gesundheit. Am Kongo sehen wir, dass eine schlechte Sicherheitslage alles mit nach unten zieht, auch die Gesundheitsversorgung. Kinshasa ist meine Heimat, und ich will die Stadt – ebenso wie Afrika insgesamt – nicht allein über ihre Probleme definieren.

Für mich steht sie für Energie, Kreativität, Gemeinschaft, Entschlossenheit. Gleichzeitig hat die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, die ich dort erlebte, mich früh mit Fragen konfrontiert, die mich bis heute umtreiben. Darf der Zugang eines Menschen zu Gesundheitsversorgung so stark davon abhängen, wo er lebt oder was sich seine Familie leisten kann? Als Kind begleitete ich sie manchmal zur Arbeit.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem sie tief erschüttert war, weil ein Kind an Masern gestorben war. Sie hatte alles in ihrer Macht Stehende getan, doch sie konnte es nicht retten. Ich war noch sehr jung, doch ich erinnere mich, wie ich dachte: Eines Tages möchte ich Arzt werden. Ich wollte nicht zulassen, dass afrikanische Kinder mit dem Glauben aufwachsen, eine gute Gesundheitsversorgung sei etwas, das es nur für andere Menschen gebe.

Als Sie dann Arzt waren, übernahmen Sie mit 28 Jahren die Leitung eines Krankenhauses in der kongolesischen Provinz. Was haben Sie dort über das Gesundheitssystem gelernt? Wie vielen Menschen wir nicht helfen können, weil es an Material und Medikamenten fehlt. Das macht mich noch heute wütend: Wie können wir hinnehmen, dass afrikanische Staaten nach 60 Jahren Unabhängigkeit nicht einmal in der Lage sind, Handschuhe oder Schutzausrüstung herzustellen – und sogar Paracetamol von anderen Kontinenten beziehen müssen?

Afrika importiert nach wie vor mehr als 90 Prozent der benötigten Medikamente und Impfstoffe. Diese Abhängigkeit müssen wir überwinden. Afrikanische Regierungen müssen mehr Verantwortung für die Finanzierung der medizinischen Grundversorgung übernehmen. Diese Schuldenlast ist ein reales Problem.

Aber es geht nicht darum, dass jedes Land jedes Medikament selbst herstellen muss. Es geht darum, gemeinsam in der Lage zu sein, die Grundversorgung zu sichern. Auch nach der Coronapandemie hiess es, Afrika müsse lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, und etwa selbst Impfstoffe herstellen. Doch passiert ist wenig.

Warum sollte es jetzt anders sein? Die Skepsis ist berechtigt. Es hat sich nicht genug getan, und die Afrikaner haben ein Recht auf Ergebnisse statt einer weiteren Ankündigung. Aber manches passiert doch.

Im Jahr 2024 zum Beispiel startete die internationale Impfallianz Gavi den African Vaccine Manufacturing Accelerator, der bis zu 1,2 Milliarden US-Dollar in zehn Jahren für die afrikanische Impfproduktion bereitstellen soll. Und seit dem Schock, den die Kürzungen der internationalen Partner ausgelöst haben, ist allen klar, wie hoch der Preis einer Verzögerung wäre. Erst einmal hofft Afrika aber erneut auf Hilfe von aussen – nämlich auf einen Ebolaimpfstoff, der gegen die Bundibugyo-Variante hilft.

Zwei Kandidaten werden derzeit in Kanada und Grossbritannien getestet. Ich begrüsse den wissenschaftlichen Fortschritt. Zusätzlich wird untersucht, ob der gegen das Zaire-Ebolavirus bereits zugelassene Impfstoff Ervebo auch vor dem Bundibugyo-Virus schützt. Doch noch lässt sich nicht vorhersagen, ob oder wie schnell diese Kandidaten den Verlauf des Ausbruchs beeinflussen werden.

Klar ist: Wir dürfen nicht auf einen Impfstoff warten. Wir müssen jetzt die notwendigen Massnahmen verstärken, um das Virus einzudämmen. Paul Munzinger, geboren 1985, hat Geschichte und Politik studiert und die Deutsche Journalistenschule besucht. 2015 kam er zur SZ. Seit 2023 berichtet er als Korrespondent aus Afrika. Er lebt in Kapstadt. Foto: Moses Sawasawa

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