Die Digitalisierung in der Landwirtschaft bringt zahlreiche neue Tools zur Messung von Nachhaltigkeit mit sich. Doch die Vielfalt der Systeme, der Aufwand der Datenerfassung und unterschiedliche Definitionen von Nachhaltigkeit führen zu Konflikten. Am Beispiel von Digiflux und mehreren Bewertungsplattformen zeigt sich die Spannung zwischen Transparenzanspruch und Praktikabilität.
Die Digitalisierung in der Landwirtschaft schreitet rasant voran. Eine Vielzahl von Apps und anderen digitalen Helfern erleichtert den Bäuerinnen und Bauern bereits heute die Arbeit: Sie helfen bei der richtigen Dosierung von Dünger, der Früherkennung von Schädlingen oder der Aufzeichnung von Anbauflächen.
Doch nicht nur die Landwirte selbst nutzen diese Technologien; auch Kontrollinstitutionen, Label-Organisationen, Verbände und der Staat fordern zunehmend elektronische Daten von den Betrieben an. Gefragt sind detaillierte Informationen: Was wurde wann und wo angebaut? Wie viele Tiere leben auf dem Betrieb? Wie viel Dünger wurde ausgebracht?
Oder: Wie sieht der CO₂-Fussabdruck aus? Diese Entwicklung stösst bei vielen Bäuerinnen und Bauern auf Kritik. Sie befürchten einen gläsernen Bauernhof, bei dem ihre Daten ohne ihre Kontrolle zugänglich sind. Besonders die digitale Plattform Digiflux des Bundes ist zum Reizwort geworden.
Ursprünglich war eine parzellengenaue Aufzeichnungspflicht von Pflanzenschutzanwendungen geplant, gegen die sich die Branche erfolgreich wehrte. Ab Januar 2027 müssen sich nun alle Betriebe registrieren und Lieferungen von Pflanzenschutzmitteln, Dünger und Kraftfutter bestätigen. Die Anforderungen wurden deutlich reduziert, doch die Kritik reisst nicht ab. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) übte harsche Kritik an der Umsetzung, insbesondere im Bereich Datenschutz.
Trotz dieser Widerstände rollt eine neue Welle digitaler Tools auf die Landwirtschaft zu. Im Fokus steht die Nachhaltigkeit, die in messbaren Indikatoren abgebildet werden soll. Abnehmer von Lebensmitteln verlangen zunehmend, dass Lieferanten entsprechende Kriterien erfüllen. Doch wer definiert eigentlich, was Nachhaltigkeit ist?
Oft wird das Drei-Säulen-Modell verwendet, das ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit in Einklang bringen soll. In der Praxis ist dies jedoch äusserst komplex. Je nach Perspektive werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: Für Abnehmer steht der CO₂-Fussabdruck im Zentrum, Umweltorganisationen legen Wert auf Biodiversität, während die Bauernbetriebe wirtschaftlich überleben müssen. Zielkonflikte sind unvermeidbar.
Ein Beispiel ist die Aufzucht von Bruderhähnen: Sie erfüllt hohe tierethische Anforderungen, weil die männlichen Küken nicht getötet werden, benötigt aber mehr Futter und Zeit, was die CO₂-Bilanz verschlechtert. Auch der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel mag der Umwelt nützen, kann aber zu Ertragseinbussen und geringeren Einnahmen führen. Um diese komplexen Anforderungen abzubilden, schiessen digitale Nachhaltigkeitstools wie Pilze aus dem Boden.
Die landwirtschaftliche Beratungszentrale Agridea listet auf ihrer Plattform Agripedia zwölf Anbieter von Tools zur Messung von Nachhaltigkeitsleistungen auf - ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Astrid Gerz von Agridea empfahl den Gemüsegärtnerinnen und Gemüsegärtnern an einem Seminar sogar die Kombination von drei verschiedenen Tools, um möglichst vielen Anforderungen gerecht zu werden.
Dazu gehören Software wie RISE (entwickelt von der HAFL, deckt Bodenschutz, Biodiversität und Pflanzenschutz ab), SALCA (von Agroscope, fokussiert auf Lebenszyklusanalyse auf Produktebene), SMART (vom FiBL, beurteilt ökologische, ökonomische und soziale Kriterien) und das World Climate Farm Tool (von Easy-Cert Group und bio.inspecta, berechnet Klimaleistungen). Diese Vielfalt stört viele Landwirte. Christian Gerber, Biogemüsegärtner und Vorsitzender der Fachgruppe Biogemüse bei Bio Suisse, kritisierte an einer Tagung: Es sei unerfreulich, dass künftig mehrere Tools nötig sein sollen.
Die Landwirtschaft sollte sich für ein System entscheiden, das möglichst viel abdeckt. Doch die Realität sieht anders aus. Die Anforderungen der verschiedenen Abnehmer und Zertifizierungsstellen sind so unterschiedlich, dass ein einziges Tool kaum alle Bedürfnisse erfüllen kann. Hinzu kommt der Aufwand für die Datenerfassung, der nicht nur Zeit kostet, sondern auch Geld.
Viele Betriebe fragen sich, ob dieser Aufwand in den Preisen der Produkte berücksichtigt wird. Bislang ist das oft nicht der Fall. Die digitale Transformation der Landwirtschaft ist also ein zweischneidiges Schwert: Einerseits bietet sie Chancen für mehr Effizienz und Transparenz, andererseits bringt sie neue Belastungen und Unsicherheiten mit sich. Die Branche steht vor der Herausforderung, einen Weg zu finden, der sowohl den Anforderungen der Nachhaltigkeit gerecht wird als auch praktikabel und wirtschaftlich tragfähig ist.
Die Diskussion um Digiflux und die Vielzahl der Tools zeigt, dass hier noch viel Klärungsbedarf besteht. Es bleibt abzuwarten, ob sich ein Standard etablieren wird oder ob die Fragmentierung weiter zunimmt. Klar ist, dass die Landwirtschaft ohne digitale Hilfsmittel nicht auskommen wird - die Frage ist nur, wie diese gestaltet sein müssen, um Akzeptanz zu finden und tatsächlich zur Nachhaltigkeit beizutragen
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