Auch wenn der Mensch schon morgen keine Treibhausgase mehr produzieren würde: Die meisten Gletscher sind verloren. Wir haben das grosse Abschmelzen der vergangenen 180 Jahre visualisiert.
«Das ist ein Zerfall der Gletscherlandschaft, kein langsamer Rückgang mehr» Auch wenn der Mensch schon morgen keine Treibhausgase mehr produzieren würde: Die meisten Gletscher sind verloren.
Wir haben das grosse Abschmelzen der vergangenen 180 Jahre visualisiert.erreichten ihre grösste Ausdehnung während der kleinen Eiszeit um das Jahr 1850. Die gesamte Gletscherfläche betrug damals 1735 km² – exakt die Grösse des Kantons Zürich. Heute sind es nur noch rund 750 km². Innerhalb von 176 Jahren ist deutlich über die Hälfte der Gletscherfläche der Schweiz geschmolzen.schätzt das Eisvolumen für 1850 auf rund 130 km³.
Heute sind es noch rund 43 km³, also 65 Prozent weniger.
«Die Schweizer Gletscher kann man nicht mehr retten, sie haben unter solchen Bedingungen langfristig keine Überlebenschance», sagt Huss. Selbst mit den grössten Anstrengungen zur CO2-Reduktion würden 80 bis 90 Prozent der Eismassen bis ins Jahr 2100 verloren gehen.
«Eine VerlangsamungWie schlimm war der diesjährige Rekordsommer für die Gletscher? «2026 war katastrophal», so Huss. Der Glaziologe bilanziert: «Es gingen 5,5% des verbleibenden Eisvolumens verloren. Das ist nur leicht weniger als im Rekordjahr 2022, damals waren es 5,9%.
» Intensive Hitzewellen von Mai bis September kombiniert mit einem schneearmen Winter führten zu einem weiteren verheerenden Abschmelzjahr. Dass in diesem Jahr die Rekordverluste von 2022 trotz höheren Temperaturen nicht übertroffen wurden, hängt damit zusammen, dass zu Beginn des Sommers auf vielen Gletschern etwas mehr Schnee lag als vor vier Jahren. Zusätzlich wurde 2026 weniger Saharastaub auf dem Schnee abgelagert, somit wurde das Sonnenlicht besser reflektiert.
Wie dramatisch dieser Schwund bei den einzelnen Gletschern ausfällt, zeigt der historische Vergleich: Die folgende Übersicht veranschaulicht das Abschmelzen der 40 grössten Gletscher der Schweiz seit 1850. Ja, die Gletscherschmelze hat sich nochmals deutlich beschleunigt. Seit 2022 lag fast jedes Jahr in der Nähe des Rekordes. Zwar gehen die Schweizer Gletscher seit über 100 Jahren zurück.
Was wir jetzt jedoch beobachten, sprengt den Rahmen der bisherigen Verluste deutlich. Es ist ein Zerfall der Gletscherlandschaft und nicht mehr ein kontinuierlicher Rückgang. Sogar sehr viele sind schon ganz verschwunden. Seit 1970 gingen über 1000 Gletscher in den Schweizer Alpen ganz verloren.
Das sind vor allem kleine und oft unbedeutende Eismassen. Aber immer häufiger verschwinden auch bekanntere Gletscher mit wertvollen Messreihen, wie zum Beispiel der Pizolgletscher SG 2022 oder der Bella-Tola-Gletscher VS und der Griessfiren/Plattalvafirn GL 2026. Am deutlichsten sieht man den Gletscherschwund in Regionen mit geringerer Gipfelhöhe, zum Beispiel im Bündnerland oder im Tessin. Dort verschwindet die Vergletscherung teils komplett, und die Landschaft ändert sich grundlegend.
Aber natürlich ist der Verlust auch bei den grossen Gletscherzungen im Wallis und im Berner Oberland unglaublich eindrücklich. Innerhalb von Jahrzehnten haben diese teils über 100 Meter an Dicke eingebüsst und ziehen sich schnell zurück. Auch ein gesunder Gletscher schmilzt an seiner Zunge, aber diese Schmelze wird durch neu gebildetes Eis in der Höhe kompensiert – der Gletscher ist im Gleichgewicht mit dem Klima.
In der Schweiz sind die Gletscher seit rund 170 Jahren in einem Ungleichgewicht – mehr Eis schmilzt, als neues entsteht. Der Verlust war allerdings noch relativ moderat bis etwa 1990: Die Gletscher gingen zwar deutlich zurück, aber es gab auch Perioden, beispielsweise um 1920 und 1980, in denen sie sich kurzfristig stabilisieren konnten. In den letzten 40 Jahren hingegen verlieren sie kontinuierlich – und immer schneller.
Man kann mittlerweile vorbehaltlos festhalten: Der aktuelle Gletscherrückgang mit den extremen Verlusten ist zu 100% auf den menschgemachten Klimawandel zurückzuführen. Ja und nein. Gelingt es uns, das globale Klima zu stabilisieren – indem die Treibhausgasemissionen auf netto null gebracht werden –, können wir tatsächlich noch die grössten Gletscher retten und ihren Rückgang stoppen.
Allerdings schliesst sich dieses Zeitfenster schnell: Selbst wenn sich das Klima nicht weiter erhitzt, gehen die Gletscher noch mehrere Jahrzehnte zurück, da sie Zeit für die Anpassung brauchen. Schweizweit liesse sich also nur noch rund ein Viertel des Gletschereises bewahren, selbst wenn weltweit in 30 Jahren keine Treibhausgase mehr ausgestossen würden. Dann verlieren wir ein Stück Heimat. Das «ewige» Eis gehört zu den Alpen.
Werden die Gipfel schwarz statt glänzend weiss, fehlt ein Teil der Schweizer Identität, welcher schon in der Nationalhymne besungen wird. Aber die Auswirkungen sind noch viel konkreter: Die Berge werden instabiler, das Wasser wird in Dürreperioden knapper, und der grüne Strom aus Stauseen kommt weniger zuverlässig. Fotos: Urs Steinegger , Matthias Huss
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