Am 2. Oktober 2001 bleibt die Swissair am Boden - das Geld ist ausgegangen. In den Jahren davor wurde die Airline von einem aggressiven Expansionskurs getrieben, doch als die Krise zuschlägt, fehlt ein tragfähiger Rettungsplan. Welche Manager, Banker und Politiker steckten hinter den Entscheidungen, die zum Zusammenbruch führten? Die Geschichte der acht wichtigsten Protagonist:innen und ihrer Rolle beim Grounding.
Am 2. Oktober 2001 geht der Swissair das Geld aus – die Flugzeuge bleiben am Boden und die nationale Airline kollabiert. Die Schlüsselfiguren: Acht Männer aus Management, Banken und Politik prägten die letzten Jahre der Swissair und spielten unterschiedliche Rollen beim Grounding und der anschliessenden Rettung.
Die Beteiligten wurden teilweise juristisch belangt und gingen danach unterschiedliche Wege – von Rückzug aus der Öffentlichkeit über neue Führungspositionen bis zu weiteren Engagements in der Luftfahrt und Politik. Am 2. Oktober 2001 geschieht in der Schweiz etwas, das lange undenkbar schien: Die Swissair bleibt am Boden. Weil das Geld fehlt, können Maschinen nicht mehr starten, Passagiere stranden, Crews warten vergeblich auf ihren nächsten Einsatz.
Das Bild der stillstehenden Flugzeuge wird zum Symbol für den Zusammenbruch einer nationalen Ikone. Doch hinter dem Grounding stehen nicht nur Milliardenverluste, gescheiterte Beteiligungen und hektische Rettungspläne – sondern Menschen. Manager, Banker und Politiker, die in den Jahren und Tagen vor dem Zusammenbruch entscheidende Rollen spielten. blue News blickt auf acht der wichtigsten Köpfe hinter dem Swissair-Drama: Welche Funktion hatten sie vor dem Grounding? Welche Rolle spielten sie in den entscheidenden Tagen?
Und was wurde danach aus ihnen? Ex-Swissair-Konzernchef Philippe Bruggisser erscheint am Donnerstag, 25. Januar 2007, vor dem Bülacher Bezirksgericht. Vor dem Grounding: Philippe Bruggisser war die prägende Figur der Swissair in den Jahren vor dem Zusammenbruch. 1997 wurde er Konzernchef der neu geschaffenen SAirGroup.
Unter seiner Führung verfolgte der Konzern die sogenannte Hunter-Strategie: Weil die Swissair nach dem Schweizer Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum in Europa vergleichsweise isoliert war, sollte sie durch Beteiligungen an anderen Fluggesellschaften wachsen. Die SAirGroup investierte unter anderem in Sabena, LTU und mehrere kleinere europäische Airlines. Viele dieser Beteiligungen erwiesen sich als teuer und verlustreich. Während der Krise: Als sich Anfang 2001 das Ausmass der finanziellen Probleme zeigte, verlor Bruggisser seinen Posten.
Am 23. Januar 2001, mehr als acht Monate vor dem Grounding, wurde er fristlos entlassen. Er sass deshalb am 2. Oktober nicht mehr am Steuer.
Seine Expansionspolitik blieb aber eines der zentralen Themen bei der Aufarbeitung des Zusammenbruchs. Danach: Bruggisser blieb zunächst in der Luftfahrt tätig, unter anderem bei der Privatfluggesellschaft VistaJet. Danach zog er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Bereits seit Jahren gibt es kaum noch verlässliche öffentliche Angaben über seine Tätigkeit; ältere Berichte verorten ihn zeitweise in den USA.
Der ehemalige SAirGroup-Konzernchef Eric Honegger erscheint am Montag, 22. Januar 2007, vor dem Bülacher Bezirksgericht. Vor dem Grounding: Eric Honegger, ehemaliger Zürcher FDP-Regierungsrat, sass seit 1993 im Verwaltungsrat der SAirGroup. Im April 2000 übernahm er dessen Präsidium.
Damit stand er an der Spitze des Kontrollorgans, als die Folgen der Expansionsstrategie immer offensichtlicher wurden. Nach der Entlassung Bruggissers übernahm Honegger im Januar 2001 zusätzlich interimistisch die Konzernleitung. Während der Krise: Unter Honegger begann Anfang 2001 der grosse Umbau der Führung. Im März kündigten praktisch sämtliche Verwaltungsräte ihren Rücktritt an.
Am 16. März 2001 übergab Honegger sowohl den Verwaltungsratsvorsitz als auch die operative Führung an Mario Corti. Beim eigentlichen Grounding war er damit bereits nicht mehr im Amt. Danach: Honegger gehörte später zu den Angeklagten im Swissair-Prozess und wurde wie die übrigen Beschuldigten freigesprochen.
Er zog sich anschliessend weitgehend aus dem öffentlichen Wirtschaftsleben zurück. Späte berichteten Medien, dass er nach Österreich gezogen sei und dort mit seiner Frau eine Pension führe. Ex-SAirGroup-Konzernchef Mario Corti orientiert die Presse nach der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Bülach. Vor dem Grounding: Mario Corti kam nicht aus der Airline-Branche.
Er hatte unter anderem bei der Nationalbank, beim Bund und lange bei Nestlé gearbeitet, wo er Finanzchef war. Gleichzeitig sass er bereits im Verwaltungsrat der SAirGroup. Im März 2001 übernahm er in einer ungewöhnlichen Doppelfunktion sowohl das Präsidium des Verwaltungsrats als auch die operative Konzernführung. Er sollte retten, was noch zu retten war.
Während des Groundings: Corti war die zentrale Figur der dramatischen letzten Tage. Ende September versuchte die SAirGroup, Teile des Flugbetriebs über Crossair zu retten. Doch die Liquidität trocknete schneller aus als erwartet. Am 2.
Oktober 2001 konnte Swissair unter anderem Treibstoff- und Flughafengebühren nicht mehr bezahlen. Gegen 15.35 Uhr standen die Flugzeuge still. Corti machte später insbesondere die UBS mitverantwortlich, weil zugesagte beziehungsweise erwartete Mittel seiner Ansicht nach nicht rechtzeitig verfügbar gewesen seien. Die UBS bestritt diese Darstellung.
Danach: Corti blieb bis zur Auflösung der SAirGroup an Bord und zog später in die USA. Im Swissair-Prozess wurde er freigesprochen. Danach erfüllte er sich einen persönlichen Traum: Er erwarb Piloten- und später Fluglehrerlizenzen. Öffentlichen Angaben zufolge lebte er längere Zeit abwechselnd in Boston und Savannah und war als Fluglehrer aktiv.
Marcel Ospel, später Verwaltungsratspräsident der UBS, wurde zur vielleicht umstrittensten Figur ausserhalb der Swissair. Vor dem Grounding: Marcel Ospel war einer der mächtigsten Schweizer Banker seiner Zeit. Nach der Fusion von Bankverein und Bankgesellschaft hatte er zunächst die neue UBS als CEO geführt. 2001 wechselte er ins Präsidium des Verwaltungsrats. Die UBS war eine der wichtigsten Banken der hochverschuldeten SAirGroup.
Während des Groundings: Ospel wurde zur vielleicht umstrittensten Figur ausserhalb der Swissair. UBS und Credit Suisse präsentierten am 1. Oktober 2001 den sogenannten Phoenix-Plan: Die Banken sollten die Crossair übernehmen, die später einen Teil des Swissair-Geschäfts weiterführen würde. Doch am folgenden Tag fehlte der Swissair Geld für den laufenden Betrieb.
Ospel befand sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg in die USA. Später räumte er ein, diese Reise sei ein Fehler gewesen, eine Verantwortung der UBS für das Grounding wies er jedoch zurück. Danach: Ospel blieb bis 2008 UBS-Verwaltungsratspräsident. Sein Abgang erfolgte während der Finanzkrise, nachdem die Bank Milliardenverluste erlitten hatte.
Er starb 2020 im Alter von 70 Jahren. Die juristische Aufarbeitung des Swissair-Falls führte nicht zu einer Verurteilung der UBS wegen des Groundings. Lukas Mühlemann, war Mitglied des Verwaltungsrats der SAirGroup und gleichzeitig CEO der damaligen Credit Suisse Group. Vor dem Grounding: Lukas Mühlemann befand sich in einer besonders heiklen Doppelrolle.
Er war Chef beziehungsweise später Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse Group – und gleichzeitig seit 1995 Mitglied des Verwaltungsrats der SAirGroup. Damit war er sowohl auf der Seite einer wichtigen finanzierenden Bank als auch im obersten Führungsgremium des angeschlagenen Konzerns vertreten. Während des Groundings: Die Credit Suisse arbeitete gemeinsam mit der UBS am Phoenix-Plan, der Crossair zur Basis einer neuen Fluggesellschaft machen sollte. Mühlemann trat nur zwei Tage nach dem Grounding, am 4.
Oktober 2001, aus dem SAirGroup-Verwaltungsrat zurück. Später mussten sowohl er als auch Ospel vor einer parlamentarischen Untersuchungskommission ihre Rollen erklären. Danach: Mühlemann verliess 2002 auch die Spitze der Credit Suisse. Anschliessend arbeitete er unter anderem als Investor und Berater.
Aus dem öffentlichen Leben zog er sich weitgehend zurück. Aktuelle öffentliche Register führen weiterhin einen Lukas Mühlemann mit Wohnsitz in St. Moritz, über seine heutigen Tätigkeiten ist jedoch wenig öffentlich dokumentiert. Moritz Suter, Delegierter des Verwaltungsrats der Crossair, spricht im Januar 2001 an einer Pressekonferenz der SAirGroup in Zürich. Vor dem Grounding: Moritz Suter war der Gegenentwurf zur klassischen Swissair-Führung.
Der Pilot hatte 1975 ein kleines Flugunternehmen gegründet, aus dem Crossair entstand. Die Regionalfluggesellschaft wurde zum erfolgreichen Konkurrenten der Swissair, bevor Swissair schliesslich die Aktienmehrheit übernahm. Im Januar 2001 holte die SAirGroup Suter als Chef des gesamten Fluggeschäfts in die Konzernleitung. Nach nur wenigen Wochen trat er jedoch wieder zurück.
Während der Krise: Entscheidend wurde Suters Crossair. Der Phoenix-Plan sah vor, dass die kleinere und finanziell vergleichsweise gesündere Gesellschaft die Basis für eine neue Schweizer Airline bilden sollte. Die Banken kauften die Crossair-Beteiligung der SAirGroup. Aus dieser Konstruktion entstand einige Monate später Swiss International Air Lines.
Suter selbst verlor allerdings rasch den Einfluss: Im Dezember 2001 trat der bisherige Crossair-Verwaltungsrat zurück. Danach: Suter blieb Unternehmer. 2004 gründete er die Fluggesellschaft Hello, die 2012 Konkurs ging. Kurzzeitig war er auch Eigentümer der «Basler Zeitung». Heute lebt er in Basel, verfolgt die Luftfahrt weiterhin intensiv und mischt sich lokalpolitisch ein.
Ende 2025 war er beispielsweise Mitinitiant einer Initiative für eine tramfreie Basler Innenstadt. Zudem hält er lautAndré Dosé – der Mann, der aus Crossair die Swiss machen sollte André Dosé erläutert 2004 in Zürich vor den Medien die Gründe für seinen Rücktritt als Vorstandsvorsitzender der Swiss International Air Lines. Vor dem Grounding: André Dosé war Pilot und enger Mitarbeiter von Moritz Suter. Anfang 2001 übernahm er die operative Leitung der Crossair.
Kurz vor dem Grounding wurde er zu einer Schlüsselfigur der geplanten Neuordnung des Schweizer Luftverkehrs. Er arbeitete an einem Konzept mit, das Swissair und Crossair in einer neuen Struktur zusammenführen sollte. Während und unmittelbar nach dem Grounding: Nach dem Zusammenbruch der Swissair wurde Dosé Chef jener Gesellschaft, aus der die neue Swiss hervorging. Im März 2002 nahm Swiss den Betrieb auf.
Damit gehörte Dosé weniger zu den Verursachern des Groundings als zu denjenigen, die danach den neuen Flugbetrieb aufbauen mussten. Unter ihm übernahm Swiss Teile des Streckennetzes, der Flugzeuge und des Personals der alten Swissair. Danach: Dosé trat 2004 als Swiss-Chef zurück und leitete später Gulf Air. Danach übernahm er zahlreiche Verwaltungsrats- und Beratungsmandate, unter anderem beim Grasshopper Club Zürich und beim Gasnetzunternehmen Swissgas.
Heute arbeitet er weiterhin als Unternehmer und Berater und ist Präsident des Stiftungsrats des Garantiefonds der Schweizer Reisebranche. Bundesrat Kaspar Villiger, links, kommentiert im Oktober 2001 in Bern an der Seite des damaligen Bundespräsidenten Moritz Leuenberger einmal mehr das weitere Vorgehen im Zusammenhang mit der Krise um die Swissair. Vor dem Grounding: Kaspar Villiger war 2001 Finanzminister. Der Bund hatte sich zunächst gegen eine direkte Rettung der privaten Swissair gesträubt.
Noch Ende September suchten Politik, Banken und Unternehmen fieberhaft nach einer privatwirtschaftlichen Lösung. Während und nach dem Grounding: Mit dem Stillstand der Flugzeuge änderte sich die Lage. Villiger wurde zu einem der wichtigsten politischen Organisatoren der Rettungsaktion. Der Bund stellte schliesslich Milliarden bereit, damit der Flugbetrieb teilweise weitergeführt und eine neue Fluggesellschaft aufgebaut werden konnte.
Zusammen mit Banken, Kantonen und Schweizer Unternehmen entstand die Finanzierung für die neue Swiss. Danach: Villiger verliess Ende 2003 den Bundesrat. Einige Jahre später kehrte er ausgerechnet zu jener Bank zurück, die beim Swissair-Grounding heftig kritisiert worden war: Von 2009 bis 2012 war er Verwaltungsratspräsident der UBS. Der heute 85-Jährige nimmt nur noch sporadisch öffentlich Stellung.
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