Ganze Generationen von Palästinensern und Israelis sind traumatisiert. Wie sollen sie so Frieden finden?
Seit Jahrzehnten erfahren Palästinenserinnen und Israelis Angst, Terror und Tod. Traumata gehen von einer Generation zur nächsten über. Wie soll so Frieden möglich werden?
Die beiden Welten liegen so nah, eigentlich, auf einem Stück Erde, so winzig, dass man sie auf einem Globus mit einer Fingerkuppe abdecken kann. Trotzdem, und vielleicht gerade deswegen, sind sich diese Welten so fern; wenn man erst die eine und danach die andere bereist, bleibt das Gefühl, man habe zwei fremde Planeten besucht.
Seit Jahrzehnten dreht sich so die Spirale der Gewalt weiter, in den vergangenen zehn Monaten mit einer ganz besonderen Grausamkeit. Die Tür eines Nebenzimmers öffnet sich und Murad, 13, tapst heraus. Der Junge schaut schüchtern und Rama erklärt an seiner Stelle, ihr Bruder schlafe oft am Tag. Er habe ein Loch im Herzen und höre auf zu atmen, sobald die Schiessereien losgingen. Jedes Mal, wenn er ins Krankenhaus müsse, habe sie Angst um ihn.
Die Leute in Balata seien ständig betroffen von der Gewalt, und sie lebten in Armut, in zu kleinen Wohnungen ohne Privatsphäre und hätten kaum Aussicht auf einen guten Job. Und dann seien da zusätzlich noch die historischen Traumata, die nie geheilt wurden. «Die Nakba ist überall», sagt Mseimi.
Als die islamistische Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, im Morgengrauen des 7. Oktobers den Süden Israels überfiel, mehr als 1200 Personen tötete und rund 250 als Geiseln nahm, weckte das bei Israelis qualvolle Erinnerungen an den Holocaust. Und bestätigte sie in ihrer tief sitzenden Angst: dass sie als Juden nirgendwo sicher sind, nicht einmal im Staat, dessen oberstes Versprechen es ist, jüdisches Leben zu schützen.
Viele Junge, mit denen er rede, hätten Angst, dass ihnen das Gleiche auch widerfahren könnte, sagt Mseimi. Sie seien schliesslich alle Palästinenser. «Die Hälfte unseres Körpers ist in Gaza.»oder der illegale Häuserbau sind – mit wenigen Ausnahmen – Thema in den israelischen Medien. Genauso wie viele Palästinenser nur schlecht über den Holocaust informiert sind, kennt ein Grossteil der Israelis nur eine verwässerte Version der Nakba.
Die Traumatisierungen seien komplex, sagt sie und erzählt von einer Patientin, die am 7. Oktober ihren Mann, die Kinder und ihre eineiige Zwillingsschwester verlor. In den ersten Monaten sei die Patientin wütend gewesen – und zwar auf eine andere Schwester. Weil diese überlebt habe. Die Patientin war so wütend, dass sie nicht mehr mit ihrer Schwester habe sprechen können.
Und auch von der Welt fühlen sich viele verraten. Junge Israelis, die von Reisen im Ausland zurückkehren, erzählen erschrocken von Free-Palestine-Demonstrationen, die sie so verstehen, dass Israel ausgelöscht werden müsse. Sie hören von antisemitischen Übergriffen und fragen sich plötzlich, ob sie im Ausland noch Hebräisch reden und weiterhin Halsketten mit Sternanhänger tragen sollten.
Shapira-Berman ordnet das Verhalten psychologisch als Verteidigungsmechanismus ein: Es gebe ein Limit, wie viel man ertragen könne. Wenn Menschen, die bereits gegen die Regierung seien, zusätzlich noch dem Militär misstrauten, wer bleibe dann noch übrig, um ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu geben? Hinzu kommt: In Gaza kämpft keine anonyme Armee. «Alle haben einen Sohn, eine Nichte oder einen Bruder, der in der Armee ist.
Und Shapira-Berman beobachtet den Effekt sogar bei sich selbst: «Ich bin gegen das, was in Gaza passiert, aber im Gegensatz zu anderen Zeiten fällt es mir schwer, Schmerz zu spüren. Es gibt wie eine Grenze für die Empathie eines Menschen. Ich empfinde so viel Schmerzen für die Menschen in Israel, dass ich keinen anderen übrig habe.»
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