Körperliche Beschwerden, Schlafprobleme und emotionale Erschöpfung: Immer mehr Kinder leiden unter dem Druck des Schulsystems. Experten und Eltern schlagen Alarm.
Immer mehr Schweizer Primarschulkinder leiden laut Eltern unter starkem Schulstress – teils ab der vierten oder fünften Klasse. Eine Studie der Universität Freiburg zeigt, dass Burnout-Symptome besonders rund um den Übertritt in die Sekundarschule zunehmen.
Alarmzeichen wie anhaltende Erschöpfung, Haare ausreissen oder Selbstverletzung erfordern laut Kinder- und Jugendpsychologe Matthias Obrist sofortiges Eingreifen. , klagen vor dem Unterricht über Bauchweh oder ziehen sich zunehmend zurück. Was zunächst wie eine besonders stressige Schulphase wirkt, kann für betroffene Familien zum Dauerzustand werden, wie eine Studie der Universität Freiburg zeigt: Gerade rund um den Übertritt in die Sekundarschule können Burnout-Symptome zunehmen.
Mehr dazu liest duDoch Eltern aus der Community erzählen, dass sie diesen Druck bei ihren Kindern schon früher wahrnehmen – teils ab der vierten oder fünften Klasse. Simon erzählt von seinem zwölfjährigen Sohn, der seit dem Sommer die Oberstufe besucht.
«Er wollte selber in die Sek und ist eigentlich auch sehr motiviert», sagt der Vater. Doch der Wechsel sei «heftig» gewesen. Für jede Prüfung lerne der Junge sechs bis sieben Stunden. Trotzdem komme er danach immer wieder mit dem Gefühl nach Hause: «Es bringt sowieso nichts.
» Mit seinen Noten liege er gerade knapp noch im genügenden Bereich. Teilweise kämen in Prüfungen Aufgaben vor, auf die er sich anhand des behandelten Stoffs nicht habe vorbereiten können, sagt Simon. Das frustriere auch die Eltern: «Wir setzen uns jeweils gemeinsam mit ihm hin, um den Stoff anzuschauen. » Für die Eltern beginne nach der Arbeit oft «eine zweite Schicht».
«Wir kommen nach Hause und müssen selbst noch den Prüfungsstoff lernen, damit wir ihm alles erklären können. »Auch andere Kinder hätten Mühe, erzählt sein Sohn: «Wenn sie in der Klasse Prüfungen zurückbekommen, weinen alle. » Die Belastung zeige sich bei ihm immer mehr auch körperlich. Der Zwölfjährige gehe teilweise sehr früh schlafen, weil er «einfach nicht mehr kann», wie der Vater erzählt.
Er klage regelmässig über Bauch- und Kopfschmerzen, Schlafprobleme und starke emotionale Erschöpfung. Die Folge: Sein Sohn ziehe sich immer mehr zurück. Simon und seine Frau fragen sich ständig: «Wie viel Druck ist für Kinder in diesem Alter noch gesund? » Sie wünschen sich Lehrpersonen, «die neben dem vielen Stoff auch das Kind sehen, das vor ihnen sitzt.
»Dr. Beat A. Schwendimann, Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, beobachtet eine deutliche Zunahme der Belastung bei Schülerinnen und Schülern.
«Verschiedene Befunde bestätigen diese Entwicklung», sagt er. Lehrpersonen stellten insbesondere gegen Ende der Primarstufe häufiger körperliche Erschöpfung, psychosomatische Beschwerden und emotionale Distanzierung fest. Ein wesentlicher Grund seien die gestiegenen gesellschaftlichen Erwartungen an schulische Abschlüsse, so Schwendimann. Erheblichen Druck erzeuge der Übertritt in die Sekundarstufe I: «Dann fällt ein Entscheid, der für viele Familien die gesamte Bildungslaufbahn zu bestimmen scheint – obwohl eine Durchlässigkeit besteht.
» Viele Eltern würden fälschlicherweise befürchten, nur ein gymnasialer Weg führe zum Erfolg, und dabei die Durchlässigkeit und Qualität des schweizerischen Berufsbildungssystems übersehen. Der Dachverband sieht hier dringenden Handlungsbedarf. Studien zum Selektionsprozess zeigen, dass viele Schülerinnen und Schüler in zu hohe oder zu tiefe Anforderungsprofile eingeteilt werden.
«Trotz einer formalen Durchlässigkeit kommt es tatsächlich nur selten zu einer Nachkorrektur, und dann meist nach unten. » Dieses System erzeuge Druck, weil die Zuteilung wie ein endgültiges Urteil wirke, so Schwendimann.
«Das kann dann zu Stress sowie Versagensängsten führen. » «Wenn bereits Zwölfjährige unter Erschöpfungssymptomen leiden, besteht klarer Handlungsbedarf. » Damit Lehrpersonen ihre wichtige Rolle wahrnehmen können, braucht es überschaubare Klassengrössen, Aufklärung der Eltern über die Durchlässigkeit und den hohen Stellenwert der dualen Berufsbildung, ausreichende Ressourcen für multiprofessionelle Teams mit Schulsozialarbeit und Schulpsychologie – sowie faire und durchlässige Zuweisungsverfahren. Auch Jasmine, Mutter einer zehnjährigen Tochter in der fünften Klasse, beobachtet zunehmenden Druck – und das bereits in der Primarstufe.
Das Mädchen sei sehr fleissig und wolle alles möglichst gut machen. Den Stress sehe sie ihr immer an und: «Je später das Schuljahr, desto bleicher wird sie», sagt die Mutter. Vor allem Französisch überfordere die Tochter.
«Nur schon, wenn man das Wort ausspricht, bricht sie in Tränen aus. » Ähnliche Rückmeldungen höre Jasmine auch von anderen Eltern. Sie frage sich, ob der Schulstoff zu breit und die Erwartungen zu hoch seien – nicht nur für Kinder, sondern auch für Lehrpersonen.
«Ich merke auch, wie gestresst die Lehrpersonen sind, weil sie den Kindern den ganzen Stoff vermitteln müssen. » Gleichzeitig wollten immer mehr Eltern ihre Kinder fördern. Das könne den Druck zusätzlich erhöhen.
«Das sind zehnjährige Kinder», sagt Jasmine. «Das darf doch nicht sein. »Matthias Obrist, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie nennt Alarmzeichen, bei denen man als erwachsene Person eingreifen müsse. Insbesondere wenn diese über Wochen in mehreren Lebensbereichen auftreten, könne man von einem Burnout sprechen.
«Da geht dann nichts mehr – weder Schule noch körperlich», so Obrist. Auch eine weitere Mutter zeigt sich verzweifelt. Ihre Tochter sei mit 13 Jahren in die Oberstufe gekommen.
«Vom Schulstart im August bis kurz vor Weihnachten fiel sie in ein Loch, war deprimiert, zog sich zurück und begann, sich selbst zu verletzen. »Schon während der letzten Primarschuljahre sei die Tochter «wahnsinnig gestresst» gewesen und habe die Schule nicht mehr gemocht. Die Mutter betont jedoch, dass nicht nur der schulische Druck zur Krise beigetragen habe: «Auch die Pubertät, ein neues Umfeld und weitere persönliche Belastungen spielten sicher eine Rolle.
» Inzwischen beobachtet sie auch bei ihrem zehnjährigen Sohn Anzeichen von Stress. Seit einigen Monaten klage er immer wieder über Bauch- und Kopfschmerzen.
«Es vergeht keine Woche ohne einen Tag, an dem er durchhängt. » Ähnliche Erfahrungen schildern weitere Eltern. Eine Mutter berichtet von ihrem Sohn: «Die plötzlich extremen Anforderungen in der Sek und die vielen Tests lösten bei ihm so starken Stress aus, dass er anfing, sich die Haare auszureissen. »Matthias Obrist, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie, kennt die Sorgen vieler junger Menschen.
Er verweist auf eine kürzliche Jugendbefragung der Stadt Zürich: «Bereits viele 14-Jährige fühlen sich in der Schule zunehmend gestresst und haben Angst vor der Zukunft. » Besonders häufig werde dabei die Zukunft und die Berufswahl genannt. Für Obrist ist das paradox: «Eigentlich sollte die Berufswahl heute einfacher sein, weil es viel mehr Möglichkeiten gibt. Doch genau diese Vielfalt erzeugt Druck.
» Kinder und Jugendliche hätten oft das Gefühl, stets die «richtige» Entscheidung treffen zu müssen und mehr erreichen zu müssen als frühere Generationen. Stress sei jedoch nicht grundsätzlich negativ, betont Obrist. Entscheidend seien dessen Ausmass und Dauer. Wichtig sei, dass Kinder ausreichend Schlaf bekommen, sich erholen und in der Freizeit einen Ausgleich finden.
Kinder sollten zudem lernen, mit Belastungen umzugehen, statt ihnen jeden Stress abzunehmen. Ich finde, der Druck ist klar zu hoch und wird oft unterschätzt. Es kommt stark auf das Kind und die Schule an. Ich sehe das Problem bei vielen Eltern und den Erwartungen von aussen.
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